Die Fabrik
stell dir vor
was
stell dir vor dein Körper
wäre auch mein Körper
„Die Fabrik“ ist der (inzwischen sehr klebrig festhängende) Arbeitstitel des Romans, an dem ich knapp zehn Jahre lang (!!?) immer wieder mal geschrieben habe, und den ich Ende 2025 fertig gestellt habe.
Es ist eine Erzählung in sehr vielen verschiedenen Formen: hauptsächlich in freien erzählerischen Versen, teils in Prosa, teils abstrakte Gedichte, Dialoge, Monologe, Newslettertexte, Chatverläufe, tagebuchartige Protokolle von Rettungseinsätzen …
Die Fabrik ist eine Fabrikruine auf einem Brachgelände am Stadtrand von Leipzig, und dort richten die Freundinnen Jott und Ali im Laufe der Geschichte ein Underground Tätowierstudio ein. Das funktioniert so: Ali hält zuerst eine Art von Wahrsagesitzung / DIY Ritual für die Person, die tätowiert werden will, schaut sie sich genau an, spricht mit ihr, legt ihr Karten usw. Dann entscheidet Ali, was für ein Motiv die Person an welcher Stelle ihres Körpers gestochen bekommt, und Jott tätowiert es.
Jott arbeitet in einem Supermarkt und am Wochenende ehrenamtlich als Sanitäterin, sie sieht sich selber nicht als Künstlerin, obwohl sie viel und gut zeichnet. Ali verliert zu Beginn der Erzählung ihren Job und zieht voll wilder, erstmal zielloser Energie bei Jott ein, verbringt ihre Tage lesend und recherchierend und streift im Wäldchen umher. Die Idee des gemeinsamen Tattoo-Studios scheint Alis Leben wieder Sinn und Richtung zu geben, und ist für sie ein wichtiger Behälter ihrer Beziehung zu Jott. Jott sträubt sich zuerst gegen Alis Pläne, wird aber immer mehr mit eingesogen und entwickelt durch den Erfolg des Studios einen eigenen Machthunger, der sowohl an Jotts Arbeitsidentität als auch an der festgefahrenen Dynamik ihrer Freundinnenschaft rüttelt. Die beiden ringen darum und scheitern daran, miteinander zu wachsen.
Ich habe diesen Text geschrieben, weil ich eine intensive platonische Freundinnenschaft, in der auch Geld und Verantwortung geteilt werden, erzählen wollte. Dazu gehört ihre zärtlich miteinander ersponnene Welt voller Kosenamen und kleiner Rituale genau so wie die kreiselnden und heftigen Auseinandersetzungen mit ihren Themen, mal streitend, mal schweigend. Ich wollte einen Text schreiben, in dem sich zwei Freundinnen vor allen Dingen unterhalten, ich wollte der Vertrautheit und Verrücktheit dieser Gespräche Raum geben.
We have to let others be free to show us their love however they choose, however they know, however they can - as long as they don’t destroy us. And what is love, anyway? It’s clawmarks, scratches, scars, traces someone leaves inside of you. The thing - fear most is stillness, silence. I want permanent marks, life. – Margarita Karapanou in Rien ne va plusIch erzähle von Rahmungen und Deutungshoheit, von den kleinen Gewalten, die wir uns gegenseitig immer wieder antun, wenn wir das Bild von unserem Gegenüber zu fest schnüren. Davon, wie selten wir gesund mit Macht umgehen können. Davon, wie schön es sich manchmal anfühlen kann, andere für einen entscheiden zu lassen.
Das ist die wacklige Kante im Text, an der künstlerisch aufgeladene, spirituell angehauchte Unterstützung von einer Art zugänglicher Therapie-Ersatz in eine gewaltvolle Übergriffigkeit kippen kann – und zwar sowohl in Jott und Alis Innenverhältnis als auch zwischen den beiden und ihren Kund:innen.
Die Tätowierungen bedeuten in dieser Geschichte manchmal etwas und manchmal nicht, sie stellen vor allem Fragen nach der Bedeutung von selbstgemachten, haltgebenden Ritualen, und danach, welche Anteile einer Selbstwerdung auch eine Performance sind.
Und ich habe einfach großen Spaß an den Wahrsagesituationen und den Tattoos und überhaupt der ganzen Brachflächekiste, denn ich mag Brachflächen ja sehr.
Jott versucht ihren Arm
so im Licht zu drehen,
dass die Schatten zweier
Fliegendreckflecken vom Fenster
genau auf zwei ihrer Leberfleckflecken liegen,
es gelingt ihr nicht, einer ist immer
etwas zu weit entfernt.
In den Briefen teilte ich eine Weile lang jede Woche einen kleinen neu geschriebenen Schnipsel aus der Fabrik.
(Im letzten Gedicht der Heinis baue ich dem Freundi eine Fabrik, was wiederum eine andere Fabrik ist als die hier im Fabriktext, aber auch mit ihr zu tun hat.)