GEDICHT

weil wir uns gedanken machen
weil wir wirklich etwas versuchen
weil wir gute arbeit machen
weil wir es jetzt endlich richtig machen
weil wir nie gelernt haben es richtig zu machen
weil wir darauf stolz sind
weil wir stolz von anderen wollen
und ihn fürchten
weil wir überleben wollen
das ist genauso grund für sichtbar
wie für getarnt
weil manche augen früher auf uns lagen
die inzwischen nicht mehr genau hin schauen
oder es noch nie taten
weil manche augen zu viel angst haben
wir sehen in angstfreien augen anders aus
weil wir vollständig sind ohne die blicke von anderen
weil wir vollständig sind in der begegnung mit anderen
weil wir nur dann einander sehen können
wenn wir ein bisschen sichtbar sind
zumindest an manchen orten zumindest manchmal
weil wir etwas zu geben haben
weil wir etwas anbieten
wir wollen uns zeigen damit andere sich auch zeigen können
weil wir nicht sicher sind ob wir das dürfen
weil wir nicht sicher sind ob wir gesehen werden dürfen
weil wir nicht sicher sind ob wir gesehen werden wollen
weil wir noch nicht fertig sind
und es so schnell auch nicht werden
um uns verändern zu können
weil wir das was wir zeigen
anders zurück erhalten
was für einen abdruck hinterlässt du in mir
&
was für einen abdruck nimmst du von mir auf

 

BERICHT

Ich widme diesen Brief meinem neuen Angebot, der Forschungsgruppe Sichtbarkeit. Ironischerweise, oder genau passenderweise, fällt mir das nicht ganz leicht.

Zum einen weil mir das Anbieten immer noch nicht hundertprozentig leicht fällt, auch nach bald zwanzig Jahren Selbständigkeit. Weil ich doch eigentlich Kunsti bin, und Kunstis doch eigentlich nichts selber anbieten, sondern von anderen sichtbar gemacht werden, und ich weiß so sehr, dass das Quatsch ist, und dieses alte Muster taucht trotzdem immer wieder mal kurz auf.

Zum anderen weil die Welt brennt. Weil es sich noch seltsamer anfühlt, inmitten von täglich neuen faschistischen Drohungen, Diktatoren, Kriegen, Naturkatastrophen zu sagen: Hey, ich hab hier eine Forschungsgruppe, in der wir gemeinsam über unsere eigene Sichtbarkeit nachdenken können!

Und ja, die Welt brennt wirklich, und ich lebe weiterhin darin, und du lebst auch weiterhin darin, und wir machen weiter unsere Angebote und versuchen, von ihnen zu leben und versuchen, uns nicht ohnmächtig zu fühlen.

Es ist paradox und es ist schwer zu begreifen und wir haben diese Gleichzeitigkeit weder erfunden noch uns so gewünscht, sie ist genau so da und unsere Realität gerade.

Und hey, in dieser Realität biete ich eine Forschungsgruppe an, in der wir gemeinsam über unsere eigene Sichtbarkeit nachdenken können!

Ich will sichtbar sein, damit andere sich auch zeigen können.

Ich will sichtbar sein, damit du sichtbar sein kannst, damit wir uns gegenseitig sehen können, denn das ist Voraussetzung für Beziehung und Beziehung ist das, worauf es jetzt ankommt.

Wir müssen uns gegenseitig daran erinnern, dass die herrschenden Systeme besonders gut funktionieren, wenn wir uns ohnmächtig und impotent fühlen. Wenn wir uns dauerhaft verstecken.

Wir müssen uns gegenseitig daran erinnern, dass künstlerische und selbständige Arbeit dagegen helfen, dass die uns autonom und selbstwirksam halten.

Wir müssen uns gegenseitig daran erinnern, dass das allerdings nur funktioniert, wenn wir unsere Angebote weiter selbstbestimmt anbieten und Menschen weiter unsere Angebote wahrnehmen und wir die Angebote anderer Menschen wahrnehmen.

All das ist hoch politisch. In meinem Versuch, in einfacher Sprache über Sichtbarkeit zu schreiben, notiere ich zum Beispiel: Sichtbarkeit kann bedeuten: Ich will vorkommen. Sichtbar sein zu wollen kann bedeuten: Ich glaube von mir, dass ich vorkommen darf. Die Frage, wer von sich glaubt, vorkommen zu dürfen, ist eine im Kern politische Frage.

All das ist nicht immer bequem und es kommt nicht ohne Reibung aus. Genau deshalb gibt es diese Forschungsgruppe (das ist keine Arbeit, die man alleine macht).

Und: Es gibt keine Sichtbarkeit ohne Unsichtbarkeit, ohne Schneckenhaus, Tarnung, Fuchsbau. Ohne eine persönliche autonome Zone, in der keine Augen auf dir liegen, bleibt unklar, was du eigentlich zeigen willst.

Und: Es gibt so endlos viel zwischen der warmen dunklen Höhle und dem grellen Bühnenlicht, so eine Bandbreite an Helligkeiten, Sichtbarkeiten, so viele Ansätze, um sich selbst ein bisschen mehr zu sehen und um sich selbst ein bisschen mehr zu zeigen, in winzigen Gesten und in großen Moves. Dieses Dazwischen wollen wir vor allem erforschen, miteinander und voneinander lernend.

Weiter unten noch etwas mehr dazu.

 

EXPERIMENTE

Updates aus den Experimenten zu meinen Lernbereichen:

Kunstarbeit
Ich spüre, dass ich gerade etwas Abstand zu dem Manuskript brauche, dass die Beschäftigung mit den Veröffentlichungsfragen richtig Arbeit ist (no surprise here), und ich versuche, mir Pause davon zu geben und gleichzeitig den Anschluss dazu nicht zu verlieren. Spüre außerdem etwas Anspannung gegenüber den kommenden Buchmessetagen, weil das ja doch auch immer ein bisschen Betrieb ist und damit Fragen aufwirft.

Brotarbeit
Hier habe ich vor allem Freude daran, nach zwei zähen kränki Wochen wieder zu meinen Themen zurückzukehren, mochte den Schreibtag wahnsinnig gern, unsere Gruppe und all die Texte, die geteilt wurden, und ich habe solche Freude an den ersten Gesprächen mit den Menschen, die an der Forschungsgruppe teilnehmen werden. Und: Ich richte gerade eine neue digitale Werkstatt ein, weil Slack einfach immer weniger Sinn macht für die Gruppenräume, und auch das fühlt sich aufregend und kreativ an, ein gutes Einrichten.

 

EINLADUNGEN

SCHREIBI-TREFF – 25. März, 14 bis 15:30 Uhr
Unser kostenloses monatliches online Treffen zum Kennenlernen & Austauschen mit anderen Schreibenden und Selbständigen; mit Mini-Lyrik-Workshop-Impuls von Kathrin und mir zu Beginn (der sogenannte Mini-PoeTisch, den wir für euch decken).

Hier mehr Infos!

FORSCHUNGSGRUPPE SICHTBARKEIT – April bis Juni

Diese Forschungsgruppe ist ein dreimonatiger Online-Rahmen für Menschen, die ihre eigene Sichtbarkeit (in welchem Bereich auch immer) bewusster und selbstbestimmter gestalten wollen. Wir treffen uns regelmäßig, nach Lust und Kapazität und Bedarf, und arbeiten mit verschiedenen Impulsen, für uns alleine und miteinander.

Dieses Forschen soll und darf sich weit und ausholend anfühlen. Der lange Atem zählt bei diesen Fragen oft mehr als kurze Sprints. Du musst nicht jede Woche performen oder liefern. Ich komme ja selbst gerade wieder aus zwei langen Matschhirnwochen und übe, jetzt nicht alles auf einmal aufholen zu wollen, sondern dort einzusteigen, wo ich eben wieder einsteigen kann, wirklich tief zu akzeptieren, dass Krankheit, Überforderung und Stillstand zum Prozess gehören, nicht außerhalb davon liegen. Drei Monate sind viel Raum, und dieser viele Raum ist absichtlich.

In diese Zeit bringen alle ihre eigenen Forschungsfragen mit hinein. Mit einigen, die sich schon angemeldet haben, spreche ich gerade bereits ein bisschen über diese Fragen, und sie machen viel mit mir.

Zum Beispiel schrieb Ika Rapka: „Wer bin ich? Schriftstellerin? Künstlerin? Ich? Wie sieht ich aus? Ich habe schon so viele schlechte Erfahrungen damit gemacht, mich zu zeigen, aber ich möchte das gerne machen, weil ich keine Lust mehr habe, mich zu verstecken.“

Zum Beispiel schrieb eine Teilnehmerin, die viel Sichtbarkeit in den letzten Jahren erlebt hat: „Das Ding ist halt: Diese Form der Sichtbarkeit passiert mir. Und ich habe das Gefühl, dass es an der Zeit ist, sie selbst mehr zu steuern und zu gestalten.“

Und Eva Scheller schickte mir Auszüge aus ihren Notizen zur Sichtbarkeit: „Was mich echt nervt: Fragen nach der “wahrhaftigen Sichtbarkeit”. Es ist nichts anderes als die Annahme, in der wir permanent leben zu scheinen, dass wir noch nicht da sind, wo wir hinsollen. Warum fällt es so schwer, davon auszugehen, dass wir in diesem Moment genau richtig sind und neugierig sein dürfen, wo uns das Leben so hinbringt. Sichtbarkeit nicht als Puzzlestein in ein ideales Selbst, sondern natürlicher Wachstumsvorgang oder eigenständiger Wunsch nach Entfaltung.“

Diese Fragen nach Steuerung, nach Identität, nach dem, was wir selbst unsichtbar machen, sind keine, die man einmal beantwortet und abhakt.

Hier alles weitere zu dieser Forschungsgruppe, und lass uns gerne telefonieren, falls du Fragen dazu hast oder unsicher bist, ob du in die Gruppe passt. Antworte einfach auf diese Mail und wir verabreden uns.

SCHREIBWOCHE – 13. bis 18. April

Die erste von drei Schreibwochen dieses Jahr findet Mitte April statt (kurz nach Ostern)!

In jeder Schreibwoche kommen wir von Montag bis Samstag zusammen, um unsere Schreibvorhaben in einer motivierenden und solidarischen Gemeinschaft Tag für Tag ein Stückchen mehr voranzubringen. Kathrin und ich statten dir die Woche mit einem Programm aus handwerklichen und experimentellen Impulsen, persönlichem Einzelfeedback, Feedbackwerkstätten, gemeinsamen Schreibzeiten und Schreibspaziergang aus – und du entscheidest welche Elemente für dich gerade dran sind.

Der Workshop im April wird von Kathrin gehalten, zum Thema Recherche im Gedächtnis – Schreiben mit Erinnerungen:

Kathrin teilt hier ihre Erfahrungen mit dem schreibenden Erinnern und lädt dazu ein, im eigenen Gedächtnis zu recherchieren. Wir gehen in Übungen und als kollektives Gedächtnis folgenden Fragen nach: Wie tauche ich in die Vergangenheit ein und wie wieder aus ihr auf? Wie schreibe ich eine (vielleicht auch schmerzhafte) Erinnerung auf? Wie werden persönliche Erinnerungen teilbar und vielleicht sogar zu universellen? Wann und wie wird aus einer Erinnerung Fiktion?

Alle weiteren Infos zur Schreibwoche findest du hier! Anmelden kannst du dich direkt per Mail an mich.

Die Schreibwoche und die Forschungsgruppe Sichtbarkeit können übrigens sehr gut miteinander kombiniert werden, falls du dich auch intensiv schreibend mit deinen (Sichtbarkeits-)Themen auseinandersetzen willst.

SCHREIBTAG – 13. März, 9 bis 17:30 Uhr
Ein gemeinschaftlicher online Arbeitstag zum fokussierten Schreiben und Besprechen unserer Schreibprojekte, zusammen mit Kathrin Bach. Mit gemeinsamen Hirnschwapps, Feedbackwerkstatt am Nachmittag und viel Raum für dich und deine Texte.

Hier alle weiteren Infos.

Außerdem gibt es im Juli und November weitere Schreibwochen, es gibt laufend Feedback & Schwung Wochen mit mir, in denen du zum Beispiel an deiner Website oder deinem Newsletter arbeiten kannst, oder du lässt dir von mir deine neue Website bauen.

 

FABRIKNOTIZEN

Diese Notizen in meinem digitalen Garten sind ganz neu oder frisch aktualisiert:

 

VERFLECHTUNGEN

Sarah Ryhanen von Worlds End schrieb in ihrem Newsletter neulich, und das schwingt natürlich sehr mit mir mit: We need to keep energy flowing in small nimble companies that are trying to shake out something a little different. Toggling images of war with your handmade ceramics or soap on a hand held device is not yours or my hellish invention but it’s the tool we have got.

Und, ziemlich random Verflechtung, aber es passieren eben auch einfach weiterhon schön random Dinge und oft genug haben sie mit Musik und Improvisation zu tun, was für mich auch intensivste Sichtbarkeitsthemen (Hörbarkeitsthemen) sind: Ich habe am Wochenende eine Mundharmonika in die Hand gedrückt bekommen und habe damit zu einer E-Gitarre improvisiert und jetzt habe ich mir eine eigene Mundharmonika gekauft und will diese portable, schamlose Zweitstimme in meiner Hosentasche mit mir umher tragen und random mit Menschen Musik machen.

(Hast du ein Lieblingslied mit Mundharmonika drin? Schick es mir gern!)