GEDICHT es braucht kraft, um interessiert
an etwas zu sein. ein gedankenstrich
braucht kraft, er hält so vieles zusammen.
ein stück den baum hoch geklettert.
nur ein kleines. ein paar andere bäume
schüchtern zum tanz gebeten. nicht
alleine sein, wir alle nicht. der apfelbaum
erschrickt mich, nackt wie er ist ohne blätter
und übervoll mit fleischigen früchten,
die keiner wollte, kein mensch und kein tier,
die der baum aber auch nicht los lassen
und der erde vermachen kann, er steht da
und hält an ihnen fest und lässt sich
nichts nehmen. wer will unsere ganze arbeit,
denke ich, und ich denke, und wenn schon,
dann ist es halt so, dann stehe ich halt
nackt mit all meinen äpfeln da. auch das
wird nicht von dauer sein.

 

BERICHTIch brauche mein hohes Ross immer weniger, nur manchmal macht es mir noch Spaß, da sause ich gern umher in großer Höhe, aber ich bin auch gern auf der Erde und in der Erde, und es ist da, dass ich meine Geschwindigkeit suche – mehr noch vielleicht als meine Lautstärke, die Hirnschwapps behaupten in mir immer, ich müsse schnell sein, aber etwas kann auch gleichmäßig und ruhig schwappen, ohne Hetze, es kann ja auch hirnfließen – es ist also auch da, dass ich Bilder suche für meinen Text, den vor allem ich selber brauche, ich schreibe oft an mich, an frühere Versionen von mir, vorhergehende Spiralen, und an die Fitzel von mir in Anderen, an das, was ich in und an Anderen verstehe, schreiben die Teilchen, die sich verstehen, immer gegenseitig an? Sind wir Pilze? Nein, wir sind Menschen, wir sind mobil und haben Händies.

Ich sage in die Runde, dass ich heute eine Brücke war, eine Verbindung aus der intensiven Mitte raus hin zu denen, die abfallen, sich los lösen, sich raus nehmen. Was stimmt, und wahr ist aber auch: Mir ist erst gestern aufgefallen, dass der schöne Junge nicht mehr hier in der Nachbarschaft lebt, dass ich ihn seit vielen Monaten nicht mehr gesehen habe, der Junge mit dem schwarzen hinkenden Hund, der mit den Locken und dem Lächeln und dem leichten Gang, der schönste Junge in dieser Siedlung; wo ist er wohl jetzt, und wie es ihm geht?

 

EXPERIMENTEBRIEFE-RHYTHMUS ANPASSEN

Ein kleines Experiment: Dank der Anregung vom Freundi gebe ich mir eine Woche Briefpause im Monat, so hoffe ich, grundsätzlich in diesem Rhythmus bleiben zu können (der mir sehr gut tut) und trotzdem ein bisschen mehr Luft zu haben, zum Beispiel zum Schreiben der Notizen.

Neu ist auch, dass du hier einstellen kannst, ob du jeweils nur den ersten Brief im Monat erhalten willst (die Option findest du ab jetzt bei jedem Brief ganz unten, und du kannst es auch jederzeit wieder umstellen).

HOLOGRAM

Ich denke schon eine ganze Weile über das sogenannte Hologram nach. Das Hologram ist ein Peer-to-Peer-Unterstützungsnetzwerk, eine Art Fürsorge-Kapsel, und funktioniert in etwa so: Drei nicht-fachärztliche Menschen kümmern sich regelmäßig um die Gesundheit einer vierten Person. Jede Person in diesem Dreieck ist für einen bestimmten Aspekt von Gesundheit verantwortlich (körperlich, psychisch oder sozial) und stellt dazu der Person in der Mitte (dem „Hologram“) Fragen und notiert sich die Antworten. Die Treffen finden langfristig statt (zum Beispiel vierteljährlich über Jahre hinweg), um Muster zu erkennen und Vertrauen aufzubauen. Mit der Zeit spiegelt das Dreieck ein facettenreiches Bild der zentralen Person wider, was diese Person zum Beispiel nutzen kann, um fundierter große Entscheidungen zu treffen.

Damit die Kapsel nicht abgekapselt bleibt und das Prinzip sich viral weiter verteilt, unterstützt die Person in der Mitte jedes Dreiecksmitglied dabei, selbst zu einem Hologram zu werden – aber in einer anderen Gruppe. Was ein faszinierend einfaches Prinzip ist, aber so viel verändert, weil es Verbreitung schafft UND weil es uns zwingt, nicht in einer klassischen Transaktionslogik zu denken (du hilfst mir, also helfe ich dir), sondern weiter gefasst das Netzwerk zu stärken.

Das Projekt wurde von der Künstlerin Cassie Thornton entwickelt (es ist nützliche Kunst!), inspiriert von griechischen Solidaritätskliniken. Es versteht sich explizit als antikapitalistische Praxis – wir lernen dabei, uns gegenseitig zu vertrauen und zu helfen, statt alles an Institutionen oder den Markt auszulagern; wir lernen dabei wirklich zu spüren, dass wir nicht alleine sind.

Und ja, mein Experiment ist jetzt, dass ich das tatsächlich ausprobieren will. Dass ich mir also ein Dreieck suchen will. Was sich gruselig und großartig gleichzeitig anfühlt.

SCHREIBEN ÜBER DAS (SELBST)VERÖFFENTLICHEN

Das hier noch ein sehr rohes Experiment, mehr ein Impuls: Ich sammele und sortiere gerade meine Gedanken zu den Fragen, wie und wofür wir (also vor allem wir schreibende Menschen oder wir Menschen, die gerne mehr schreiben würden) unsere Websites nutzen. Wenn wir denn überhaupt welche haben. Warum so viele Websites brach liegen. Warum viele Menschen sich eher an das grelle Licht von Instagram wagen anstatt erstmal im Halbschatten eines Newsletters mit ihrer Sichtbarkeit experimentieren. Warum viele Menschen von einer kompletten medialen Unsichtbarkeit zu einer Verlagsveröffentlichung springen wollen.

Und wie freudvoll und schön und reichhaltig das Dazwischen sein kann. Wie genau passend das Arbeiten in kleineren Kreisen sein kann, wir brauchen gar nicht alle immer die gleiche Menge an Öffentlichkeit. Das ist kein Ersatz hier, das ist keine Vorstufe von etwas Größerem, das ist nicht verwässert, sondern es ist saftig und richtig hier.

 

EINLADUNGENLESUNG - Freitag, 5. Dezember, 20 Uhr - Berlin
In der Lettrétage lese ich mit Ulrike Feibig, Martina Lisa, Andra Schwarz, Sibylla Vričić Hausmann und Janin Wölke aus unseren neuen Texten, gehalten von der schönen Klammer We have to make new love.

(UN-)SICHTBARKEITSTAG - Samstag, 6. Dezember, 10 bis 16 Uhr - Berlin Ein Tag zur kreativen Auseinandersetzung mit dem Sich-Zeigen und der manchmaligen Mühsamkeit dieses Unterfangens; gemeinsam mit der Fotografin Julia Vogel.

SCHREIBTAG - Montag, 8. Dezember, 9 bis 17:30 Uhr
Ein gemeinschaftlicher online Arbeitstag zum fokussierten Schreiben und Besprechen deiner Schreibprojekte; zusammen mit Kathrin Bach. Mit gemeinsamen Hirnschwapps, Feedbackwerkstatt am Nachmittag und viel Zeit für dich und deine Texte.

SCHREIB & SCHNACKNACHMITTAG - 17. Dezember, 14 bis 15:30 Uhr
Ein kostenloser online Schreib- und Schnacknachmittag zum Austauschen und Kennenlernen, mit Mini-Lyrik-Workshop-Impuls.

 

FABRIK (Ein neu entstandener Schnipsel aus meinem Text mit dem Arbeitstitel „Die Fabrik“)

Ali würde die Kunstsache
mitnehmen für ein Brot
Jott hat Angst dort
ihre Flagge aus Fetzen
abgeben zu müssen
ja wer trägt hier
Camouflage?

 

VERFLECHTUNGENVieles aus dem Brief heute stammt aus der Schreibwoche, die letzte Woche stattfand, das Gedicht ganz oben ist zum Beispiel von meinem Schreibspaziergang. Danach notierte ich:

was war heute da? eine auf eine art kostbare traurigkeit. weil ich allein in ihr war und doch nicht, weil es diese gruppe real gibt, weil diese menschen zeitgleich mit mir durch den matsch laufen und verschiedene gefühle ausprobieren, schauen, ob etwas hält, weil sie zeitgleich mit mir weinen oder weinen wollen, weil wir alle etwas durch sind oder sentimental oder müde, weil wir uns mögen. weil das echt ist, auch wenn es zoom-kacheln sind, durch die wir uns sehen. weil wir verbunden sein wollen, so wie wir es eben können.