GEDICHT schau her: ich muss nicht zögern, wenn ich leise bin.
schau, ich bin trotzdem da.
schau her, hier ist ein steinchen.
schau, hier liegt eine alte liebesgeschichte vergraben; siehst du das kleine grinsen zwischen hier und dort.
schau, da hinten geht der mond auf.
schau.
schau in den schaum.
schau meine leise albernheit an.
schau meine ruhe an.
schau her: das wissen doch schon kindikinder; man ist ehrlich mit sich und fröhlich mit anderen und man bewegt sich verdammichnochmal mit umsicht auf dieser erde.
schau her, WAS DU ANGERICHTET HAST.
SCHAU HER, WAS DU UNTERLASSEN HAST.
schau her, wie ich schwitze, wie ich triefe, schau her, mein kopfweh ist dir zu verschulden und DAS MACHT ES MIR SCHWER, LAUT ZU SEIN.
schau mal ganz weit nach oben.
schau mal ganz tief nach unten.
schau her: was liegt in der mitte?
schau her: es gibt so viele arten, fremd zu sein.
BERICHTSchau her – ich bin angestrengt. Und, und aber, das ist nicht schlimm. Ich bin nicht bedröppelt, ich bin nicht geknickt, ich finde es einfach nur manchmal anstrengend, das Menschsein insgesamt, das Tonfällefinden, das Lautstärkenfinden, das Orientieren. Grenzen setzen. Abwägen: Was von dem, was mir gereicht wird, will ich annehmen? Schau her: Hierzu sage ich nein. Dazu sage ich ja. Die Jas und Neins haben auch unterschiedliche Lautstärken.
Ich bin ein Mensch, der so Fragen nicht mag, danach, was für ein Mensch er sei - so Verallgemeinerungen mag ich nicht, so Kästchen mag ich nicht. Dabei habe ich selber die Aufgabe gestellt, den Satz „Ich bin ein Mensch, der …“ zu vervollständigen, und es macht mir wohl Spaß, meine eigene Aufgabe nicht zu mögen. Man muss ja auch nicht jede Aufgabe mögen. Ich bin also vielleicht ein Mensch, der nicht jede Aufgabe mag. Ich bin ein Mensch, der heute einen roten Rolli trägt und gestern zwei mal geweint hat. Ich bin ein Mensch, der manchmal fettige Haare und öfter mal Rückenschmerzen hat, aber da biege ich schon wieder ab, also da gehe ich nicht hin, denn das macht mich nicht aus, das ist mein Körper, der mal so und mal so ist. Ich bin also wohl ein Mensch, der sich nichts diktieren lassen will, oder dessen Schmerzen seine Identität nicht ausmachen sollen. Geht es in dieser Frage um Identität? Ich bin ein Mensch, der das in Frage stellt.
Übersetzt auf laut:
ICH LASSE MIR NICHT SAGEN WER ICH BIN SCHON GAR NICHT VON MIR SELBER!!!
Übersetzt auf leise:
ich passe vielleicht nicht in diese frage hinein?
Es ist ein Unterschied da, es ist leiser, alltäglicher, geworden, aber deshalb nicht weniger wichtig oder gut, leise ist nicht weniger, diese Erkenntnis ist da. Ich bin nicht durchweg durchgehend ein lauter Mensch, ich bin ein mal so mal so Mensch, ich will alle Register nutzen können, ich will mit allen üben, die Werkzeuge griffbereit zu haben.
Meine eigene Lautstärke will gerade Zeilenbrüche,
Luft und Abstand,
ich bin langsam im Text, um hier etwas zu erleben,
um hier etwas anders zu fühlen als ohne die Buchstaben;
die Buchstaben machen ja nur Sinn,
wenn ich etwas mit ihnen und durch sie fühle.
EXPERIMENTEBRIEFE VERMENGEN, DIE GUTE WEBSITE WEITER AUFLÖSEN
Nach und nach hole ich die Menschen von den Die-gute-Website-Briefen hier her, zu diesen Briefen, zu mir (herzlich willkommen! Hier bin ich jetzt zuhause, ich hoffe, es gefällt dir auch).
Ich schrieb dazu: Ich träume schon so lange davon, all meine Angebote, Notizen, Briefe, Ideen unter einem Dach zu haben. Als eine Person in Erscheinung zu treten, die Websites baut und Gedichte schreibt. Ohne große Trennwand dazwischen. Diese Trennwand habe ich lange gebraucht. Nur mit ihr konnte ich mich in beiden Bereichen sicher genug fühlen, um anzukommen, mich zu zeigen, zu wachsen. Und jetzt: Bin ich wohl über meine eigene Trennwand hinaus gewachsen. Jetzt ist alles auf ricardaskiel.de und das fühlt sich für den Moment genau richtig an.
EINLADUNGENSCHREIBTAG - Montag, 8. Dezember, 9 bis 17:30 Uhr
Ein gemeinschaftlicher online Arbeitstag zum fokussierten Schreiben und Besprechen deiner Schreibprojekte; gemeinsam mit Kathrin Bach.
LESUNG - Freitag, 5. Dezember, 20 Uhr - Berlin
In der Lettrétage lese ich mit Ulrike Feibig, Martina Lisa, Andra Schwarz, Sibylla Vričić Hausmann und Janin Wölke aus unseren neuen Texten, gehalten von der schönen Klammer We have to make new love.
(UN-)SICHTBARKEITSTAG - Samstag, 6. Dezember, 10 bis 16 Uhr - Berlin Ein Tag zur kreativen Auseinandersetzung mit dem Sich-Zeigen und der manchmaligen Mühsamkeit dieses Unterfangens; gemeinsam mit der Fotografin Julia Vogel. (Der Tag ist ausgebucht, aber wir haben eine Warteliste angelegt und werden ihn mit ziemlicher Sicherheit demnächst wiederholen – melde dich also gerne bei Interesse, dann schicken wir dir die neuen Daten zuerst.)
SCHREIB & SCHNACKNACHMITTAG - 17. Dezember, 14 bis 15:30 Uhr
Ein kostenloser online Schreib- und Schnacknachmittag zum Austauschen und Kennenlernen, mit Mini-Lyrik-Workshop-Impuls.
FABRIK (Ein neu entstandener Schnipsel aus meinem Text mit dem Arbeitstitel „Die Fabrik“)
Jott taucht hinter dem zweiten Vorhang auf und sagt: Da kennt aber jemand viele Fremdwörter.
Jott erhält zwei Paar Blicke.
Jott sagt: Ich mein ja nur, passt gut zu dir, Ali.
Jott sagt: Seid ihr so weit, können wir anfangen?
VERFLECHTUNGENDas ganze Lautstärkenthema kommt aus den Schreibimpulsen, die ich für die Telko und die Schreibwoche vorbereitet habe – wir haben mit „lautem“ und „leisem“ Schreiben gespielt, nachgespürt, was uns daran Widerstand macht, danach gesammelt, welche Formen wir reflexhaft für was verwenden (zum Beispiel Großbuchstaben und Ausrufezeichen sind laut, Fragezeichen und Punktpunktpunkt wirken eher leise) und haben das dann wiederum in Frage gestellt. Denn warum sollte das Leise gleich zögerlich sein, und langsam und tastend, und das Laute ganz überzeugt von sich, schnell und drängend?
Ziel war, dass wir uns alle gut hören können.