GEDICHT

Ich mag den Schnee
Ich mag Schnee im Dunkeln
Ich mag meinen langen Spaziergang nach Hause, vom Ring, wo ich das Freundi zur Tram gebracht hatte
Ich mag, wen wir wie getroffen hatten und wen ich noch unterwegs wusste, oder schon zuhause in warmen Betten
Ich mag das Knirschen unter meinen zuverlässigen Schneeschuhen und ich mag, wie es mich an den Spaziergang mit dem Freundi erinnert
Ich mag all diese Menschentaschen in meinem Leben
Ich mag nicht, dass ich immer noch nicht im Krankenhaus angerufen habe
Ich mag, dass du weinst, als ich dich frage, wie es dir geht; also ich mag nicht, dass du weinen musst, aber ich mag, dass du bei mir weinen kannst
Ich mag, dass ich mich um die Ränder kümmere, es muss sich immer auch wer um die um die Notfälle herum kümmern, so funktionieren diese Kreise
Ich mag nicht immer, wie ich mich kümmere
Ich mag, dass ich in diesen Phasen Techno höre
Ich mag, wie das Freundi das versteht
Ich mag manchmal die absurde Gleichzeitigkeit von allem
Ich mag nicht die Definition von Commitment, die bedeutet, dass man seine Lebensentscheidungen miteinander abstimmt, das ist nicht die einzige Form von Commitment
Es gibt auch ein Versprechen, die Lebensentscheidungen des Freundis mit zu tragen
Ich mag, dass ich beim Workshop die Wirklichkeit, die wirklich Forellenkleid trägt, als Bild auswählte
Ich mag, dass ich zuerst las die Wirklichkeit trägt wirklich
Ich mag die Szene, die ich dort geschrieben habe, nicht besonders, aber ich mag, dass ich mal etwas Konzeptionelles ausprobiert habe
Ich mag das Buch von der sterbenden besten Freundin nicht
Ich mag auch nicht, dass ich beim Lesen natürlich trotzdem weinen musste
Ich mag das harte Buch von Debré und sie vermutlich nicht, oder gerade doch
Ich mag, wie ich über die Gleichzeitigkeit von Pflegesituationen und Sex nachdenke und sich darin ein Samen befindet von etwas, das erzählt werden könnte
Ich mag die Ruhe, die ich in all meinen Themen finde, denn all das hier ist ja auch nur ein Bruchteil, da ist ja noch nicht mal das neue Pferd drin, das das Kind gezeichnet hat und von dem es gleich ahnte, dass es mir gefallen würde, ob man das denn auch gleich für mich mit kopieren könne
Das mag ich

 

BERICHT

Ich war froh um die Briefpause der letzten Woche, ich wollte andere Sachen machen und ich wollte im Dunkeln noch ein bisschen weiter denken, im hellen Dunkel meiner PAZ wollte ich über die Performances nachdenken, die ich gesehen hatte, und darüber, was meine Arbeit sein soll und was sie künstlerisch macht oder auch nicht. Ob ich auch jemals eine Performance machen werde? Oder eine Präsentation einer Abschlussarbeit? Oder in diesem Leben nicht? Oder mache ich das fast wöchentlich hier? Bräuchte ich mehr Klammer in meinem Schreiben? Oder mehr Verdauungszeit für alles, doch wieder alles größer verdichtet? Habe ich schon wieder vergessen, dass ich die Fabrik geschrieben habe? Habe ich schon wieder vergessen, wen ich alles gerade noch liebte? Who are you even? I am just a funny little cloud.

Gestern Abend tanzte ich still und ausholend in einer meiner Microbreaks, wie gut das ist, wie gut es sich anfühlen kann, meinen Körper nach Intuition und Improvisation zu bewegen, wie viel Werkzeug ich immer bei mir habe.

Immer wieder Kurzvisionen von Maja in der Gefängniszelle, von mir selber hypothetisch in einer Zelle, vom Klarkommenmüssen im Nichts mit nichts; Hand hoch, wer auch so seltsame Vorbereitungsanfälle hat, und nein, Paranoia ist das vermutlich schon lange nicht mehr.

Ich konzipiere die Begleitung in die Sichtbarkeiten weiter, diese Idee einer kleinen Forschungsgruppe, die sich drei Monate lang gemeinsam mit dem Zeigen und dem Nichtzeigen beschäftigt. Ich stoße dabei auf mittelalterliche Zeichnungen von Faschingskostümen mit Schellen daran und da klickt es bei mir, ich kreisele zurück zu meinen Masken, zu meiner Faszination mit Drag und Dazzle Camouflage, zu all dem, mit dem wir noch arbeiten können.

Ich will Sichtbarkeit nicht untersuchen oder gar „lehren“ als etwas Reines, Helles, Klares, als einfach ein halbwegs funktionierender Umgang mit Social Media, als Tipps zum Klarkommen, als Tricks für mehr Follower:innen; ich will mit in diese Arbeit hinein nehmen, dass die Welt brennt, dass wir uns mit Autoritäten auseinanderzusetzen haben, die uns nicht wohlgesonnen sind, dass wir auch deshalb Themen mit Sichtbarkeit haben, weil uns andere diese Themen machen, weil es nicht immer sicher ist, ganz oder auch nur teilweise sichtbar zu sein.

Und ich will selber anschauen und lernen, was es für Methoden und Strategien gibt in diesen Kontexten, von denen wir lernen und die wir uns borgen können; ich brauche selber noch mehr Tricksterenergie im Umgang mit der Welt, habe selber immer noch genug Schablonen abzulegen, das könnten wir zusammen machen, das könnte ein Fest werden.

 

EXPERIMENTE

Updates aus den Experimenten zu meinen Lernbereichen:

Kunstarbeit Ich übe beim Schreibtag mit Hilfe der anderen Schreibis auch die Textarten, die mich unsicher machen, die direkt mit dem Betrieb zu tun haben, so zu schreiben, dass sie nach mir klingen (und bin so dankbar für das Mutmachen dieser Gruppe!). Es bleibt dennoch auffällig schweres Üben mit vielen Stolperstellen, aber: ich schreibe gerade ein Exposé für eine Literaturagentur.

Brotarbeit Ich habe geübt, Ordnung zu schaffen, also Dinge wegzusortieren, ihnen einen Platz zu geben, mir zu zeigen, was ich sehen will oder muss. Ich habe geübt, Dinge langfristiger zu denken, sie so nachzubereiten, dass mir die nächste Vorarbeit erleichtert wird (beides dank Linn und dem tollen Orga-Workshop).

 

EINLADUNGEN

(UN-)SICHTBARKEITSTAG – 14. Februar in Berlin
Diesen Samstag halten Julia Vogel und ich wieder unseren Experimentiertag zum Thema Sich-zeigen, und es ist noch ein Platz frei.

Dieser Workshop ist die Keimzelle für die oben erwähnte Begleitung in die Sichtbarkeiten: Hier ist ein sicherer Raum, um dich spielerisch, vorsichtig, albern, awkward, tapsend, kichernd, stumm den Fragen zu nähern, wo und wie du dich und deine Arbeit der Welt zeigen willst.

Der Tag findet in Julias gemütlicher Wohnung in Berlin-Neukölln statt, es gibt Übungen und Schreibimpulse und lecker Suppe und Bastelmaterial und viel Raum für Austausch und Rückzug, und dazwischen einen Abenteuerspaziergang :)

Melde dich gerne, falls du Fragen dazu hast! Hier findest du alle Details, und anmelden kannst du dich direkt bei Julia unter julia@geschichteninbildern.de

SCHREIBI-TREFF - 25. Februar, 14 bis 15:30 Uhr
Ein kostenloses online Treffen zum Austauschen mit anderen Schreibenden und Selbständigen; mit Mini-Lyrik-Workshop-Impuls von Kathrin und mir zu Beginn.

Hier mehr Infos.

DIE UNGEGLÄTTETE ÜBER MICH SEITE – 26. Februar, 10 bis 12 Uhr
Ein online Workshop zusammen mit Julia Vogel

Was muss wer über mich und meine Arbeit wissen? Wieviel will ich wem über mich erzählen? Wieviel zeige ich von mir wo im Internet? Was darf im Verborgenen bleiben? Mit wessen Augen lese ich meine Über-Mich-Seite? Welchen Anspruch habe ich an sie? In welcher Schublade stecke ich und wie hole ich mich wieder aus ihr heraus?

Beim Februar-Workshop geht es um den Ort auf deiner Website, an dem du dich zeigen sollst, was als Aufgabe natürlich und verständlicherweise oft viel Aufregung und Unsicherheit mit sich bringt.

Die Fotografin Julia Vogel und ich begegnen dieser Aufgabe hier mit Ruhe und Freude und einer großen Portion selbstbestimmter Tricksterenergie: wir wollen keine Zuckerschichten über unsere Seiten gießen, sie dürfen raue Stellen haben, ein bisschen (oder sehr) ungekämmt sein.

Wir werden nachspüren, was deine Über-Mich-Seite braucht, um tatsächlich etwas über dich zu erzählen, und wir werden sowohl erstes ungeglättetes Text- als auch Bildmaterial direkt im Workshop erstellen.

Hier findest du alle Details und kannst deinen Platz buchen - dort findest du auch mehr Infos zu unserem sozialen Preismodell aka Bring-a-Freundi-Modell :)

SCHREIBTAG - 13. März, 9 bis 17:30 Uhr
Ein gemeinschaftlicher online Arbeitstag zum fokussierten Schreiben und Besprechen deiner Schreibprojekte, zusammen mit Kathrin Bach. Mit gemeinsamen Hirnschwapps, Feedbackwerkstatt am Nachmittag und viel Raum für dich und deine Texte.

Hier alle weiteren Infos.

Außerdem gibt es im April, Juli und November wieder Schreibwochen mit Kathrin und mir, es gibt Feedback & Schwung Wochen mit mir, in denen du zum Beispiel an deiner Website oder deinem Newsletter arbeiten kannst, oder du lässt dir von mir deine neue Website bauen.

 

FABRIKNOTIZEN

Diese Notizen in meinem digitalen Garten sind ganz neu oder frisch aktualisiert:

 

VERFLECHTUNGEN

Das Format der ich mag / ich mag nicht Liste kommt aus der so tollen Performance too strong for too long von Elsa Artmann, was ein Auszug aus dem längeren Stück Langes Wochenende ist. (Die Liste könnte auch aus Kathrins Ideenrepertoire für unsere Schreibi-Treff-Schreibimpulse kommen, die machen ganz oft ähnliche Dinge.)

Ich mag, wie Elsa aus dem Bauchtäschchen nacheinander Desi, Labello, Mundspray, Kaugummis zieht und verwendet, bevor sie die angekündigte Nähe zu den Menschen im Publikum sucht.

Ich mag, wie M und ich Elsa begleiteten und dass wir es durften, dass Elsa uns bat, Spuren und Wege auf ihrem Körper zu zeichnen, während sie tanzt und singt und wir tanzten somit auch mit, das war vielleicht sogar ein kleiner Zauber.

Ich mag, dass sich meine Vorstellung von Performance verändert, es ist einfach ein Gedicht mit Körper und Raum und Requisite.

Ich mag, dass ich mit mir selber Dialoge über Konsens führe und nicht ganz sicher bin, bin ich nun ein Mensch, der nicht so viel sprachlichen Konsens braucht, weil er sich auf Körpersprache verlässt, oder bin ich einer, der gerade übt zu benennen, was ihm gefällt und was ein bisschen anders sein könnte, bin ich einer, der einfach immer schnell ja sagt, wenn er etwas gefragt wird, ich wäre ja auch nie auf die Idee gekommen, Elsas Berührungsanfrage abzulehnen.

Ich mag, wie Elsa sich aufrichtig und warm kurz bedankte, als eine Person tatsächlich die Arme über der Brust kreuzte zum Nein.

Das kann das Freundi so viel besser als ich: ich mag nicht sagen. Ich mag dies nicht ich mag das nicht das mag ich nicht. Ich mag immer so vieles. Ich will auch mehr Nichtmögen üben, und gleichzeitig fühlt sich das wie die sinnloseste Übung ever an, denn Nichtmögen macht einfach so wenig Spaß.

(Und ich mag, wie sich Gedicht und Bericht und Verflechtungen hier so oft so eng verflechten, dass sie ein bisschen verfilzen miteinander.)

Der Techno, der mir gerade am liebsten ist, ist von Irène Drésel.

Der Schreibworkshop aus dem Gedicht oben war von Beata Absalon und fand im Kunstverein Leipzig statt. Die Zeilen mit der Wirklichkeit und dem Forellenkleid tauchen am Ende in diesem Lied von André Heller auf und lauten dort: Die Wirklichkeit, die Wirklichkeit / trägt wirklich ein Forellenkleid / und dreht sich stumm, und dreht sich stumm / nach anderen Wirklichkeiten um.

Die Bücher aus dem Gedicht sind We all want impossible things von Catherine Newmann und Love me tender von Constance Debré.

Die Definition von Commitment ist von dem Psychologen Robert Sternberg und ich habe sie gefunden in dem Buch Freunde lieben von Ole Liebl.

Ansonsten schrieb ich neulich in einem Hirnschwapp ich will kein möbel sein (ich will auch gesehen werden) und bekam am Tag darauf von Tim seine Rezension des Ballermann-Hits Wackelkontakt geschickt, in dem jemand sehr gern ein Möbel wäre.

Und eine Teilnehmerin teilte gestern beim Schreibtag ein Textfragment, bei dem ein Ich auf einem Liegestuhl sitzt und die Sonne über den Körper dieses Ichs geht, ihm auf den Schoß klettert und ihn zu halten scheint, und ich notierte mir:

gehalten
von der
katze sonne

Das mag ich auch.