GEDICHT es ist alles
fast so
wie ihr denkt.
BERICHTIn einem Zug mit viel Verspätung und kaum Menschen darin tanze ich, ich kann nicht mehr sitzen und muss mich bewegen und die Musik auf meinen Kopfhörern ist gut und laut, zuerst wippe ich nur so ein bisschen hin und her im Gang, irgendwann werde ich groß und raumgreifend und spüre, wie wir über die Gleise sausen. Es fühlt sich ein bisschen an wie Fliegen und ich suche neue Möglichkeiten zum Fliegen, jetzt, wo ich beschlossen habe, wirklich eine lange Schwimmpause zu machen, kein Schmetterling für eine Weile, den Rücken ja nicht reizen.
Vielleicht werde ich über die Schmerzen schreiben, über diesen viele Monate dauernden Versuch meines Körpers, mit mir zu sprechen, und ich verstehe seine Sprache so oft nicht und gute Übersetzer:innen sind rar.
Ich will mein Fühlen beschützen, das habe ich mir geschworen und ich weiß noch nicht, wie das in diesem Kontext geht: Wie fühlen trotz Schmerz? Wie fühlen mit Schmerz? Wie fühlen im Schmerz? Wie fühlen, was da noch alles ist, wie nicht taub werden oder zumindest nicht dauerhaft, wie neue Reize setzen, die nicht zu viel und nicht zu wenig sind? Wie nicht aufhören zu fühlen, ich mich und jede Faser und jede Zelle in mir, und natürlich gelten diese Fragen für jede Art von Leid.
Im Zug vor mir liegt als dicker Stapel in grüner Mappe das Manuskript vom Freundi, von großer Kälte ist darin die Rede und dass Deutsche davon keine Ahnung haben; daran denke ich ein paar Tage später am Morgen auf dem Fahrrad mit meinen kalten Ohren, und es tauchen ganz alte Erinnerungen auf, an die anderthalb Meter Schnee im Pittsburgher Winter, wie wir als Kinder von der Küchentreppe direkt runter in den Hof springen konnten, aufgefangen durch Schneepolster. Ich glaube trotzdem nicht, dass ich von sibirischer Kälte etwas verstehe, aber beim Lesen tue ich es doch, Basiszauber von Literatur.
Das kurze Gedicht oben fühlt sich wie eines der queersten Gedichte an, die ich bisher geschrieben habe. Aber zum Glück geht es mir in meiner Queerness immer weniger um das Gelesenwerden. Worum dann? Darum, mein Fühlen zu beschützen.
EXPERIMENTEUPDATE WIEDER WEBSITES ERSTELLEN
Das Experiment Websites-Bauen geht weiter und macht mir weiterhin toll viel Freude. Ich habe eine Website überarbeitet, gestrafft und erweitert und mit neuen Fotos versehen, ein sehr befriedigendes Make-Over. Bei einer anderen Seite habe ich zuerst mit online verfügbaren Grafiken gespielt, naiv erstaunt darüber, dass die jetzt schon zu großen Teilen KI-generiert sind, vieles passte so halb aber nichts fühlte sich richtig gut an. Also ging ich zu Papier und Cutter und Schneidematte und schnipselte von Hand die Elemente, die wir brauchten, und das war erwartungsgemäß extrem befriedigend und fühlte sich genau passend unperfekt an. Bald werden die Seiten frei geschaltet, dann kann ich sie zeigen, und diese Woche steht eine Seite für eine Künstlerin an und mir juckt es richtig in den Fingern, los zu legen; vielleicht also doch eine Kunst, die ich gelernt habe.
6 WOCHEN PLAN RÜCKENBERUHIGUNG
Damit ich nicht immer weiter wie ein kopfloses Hühnchen Behandlungsmöglichkeiten und Interventionen recherchiere und ausprobiere, sondern auch mal ein paar Sachen Zeit zum Wirken gebe, habe ich mir einen Rückenberuhigungsplan gestrickt, ein Sechs-Wochen-Protokoll. Darin liste ich auf, was ich vorhabe und hake ab, was ich gemacht habe, und vor allem hake ich ab, was ich nicht gemacht habe, nämlich neue Ansätze gegoogelt oder geschwommen. Ich habe mir damit einen Rahmen geschaffen, in dem ich mich ein Mal wöchentlich intensiv und genau mit meinem Rücken befasse, und deshalb (hoffentlich) in der restlichen Zeit das Thema loser halten kann. Ein Behälter also, eine (hoffentlich) sinnvolle Form von Autopilot, etwas, was ich meiner Traurigkeit über die erzwungene Schwimmpause entgegensetzen kann.
EINLADUNGENSCHREIB & SCHNACKNACHMITTAG – Diesen Mittwoch, 19. Oktober, 14 bis 15:30 Uhr
Ein kostenloser online Schreib- und Schnacknachmittag zum Austauschen und Kennenlernen, mit Mini-Lyrik-Workshop-Impuls. Ich bin selber schon sehr gespannt auf den kleinen Schreibimpuls, den ich vorbereitet habe, er hat mit Sichtbarkeit zu tun und wird bestimmt auch ein bisschen lustig.
Hier ist der Zoom-Link dafür (einfach anklicken und teilnehmen).
SCHREIBTAG - Montag, 8. Dezember, 9 bis 17:30 Uhr
Ein gemeinschaftlicher online Arbeitstag zum fokussierten Schreiben und Besprechen deiner Schreibprojekte; gemeinsam mit Kathrin Bach.
SCHREIBWOCHE - 24. bis 29. November – nächste Woche!
Eine Woche voller Schreibtage, plus mehr Austausch, ein Workshop zum persönlichen Schreiben, gemeinsames Schreiben von Lyrik und handwerkliche Impulse; gemeinsam mit Kathrin Bach. Hier findest du alle Details dazu. (Wir haben noch ein paar freie Plätze, unter anderem einen halben Stipendiumsplatz.)
LESUNG - Freitag, 5. Dezember, 20 Uhr - Berlin
In der Lettrétage lese ich mit Ulrike Feibig, Martina Lisa, Andra Schwarz, Sibylla Vričić Hausmann und Janin Wölke aus unseren neuen Texten, gehalten von der schönen Klammer We have to make new love.
(UN-)SICHTBARKEITSTAG - Samstag, 6. Dezember, 10 bis 16 Uhr - Berlin Ein Tag zur kreativen Auseinandersetzung mit dem Sich-Zeigen und der manchmaligen Mühsamkeit dieses Unterfangens; gemeinsam mit der Fotografin Julia Vogel. Derzeit bereiten wir den Tag vor und spielen damit, auf was wir unsere Augen legen und wer Augen auf uns legt, der Filzglubschi wird wieder einen Auftritt haben, wir werden Kameras werden. (Aktuell nur noch Warteliste.)
FABRIK (Ein neu entstandener Schnipsel aus meinem Text mit dem Arbeitstitel „Die Fabrik“)
Ali schiebt den Stapel Karten zur Seite und rückt die Zeichnungen zurecht und durchforstet mit schnellen Fingern den Wildblumenstrauß nach vertrockneten Blüten und streicht allen Dreck vom Tisch, allen Dreck, die gesamten Tabakkrümel von Jott und ihre eigenen Kekskrümel und was sich noch abgelagert hat und jetzt ist sie bereit und sie ist zufrieden. Sie schiebt den Vorhang zur Seite und schaut raus ins Brombeergebüsch und da wartet Vera. Vera schaut sich um, mit großer Ruhe schaut sich Vera um und sagt dann mit kleinem Lächeln: ein richtiger heterotopischer Ort. Vera sagt: ein Begriff von Foucault das sind Räume außerhalb der normalen Ordnung. Ali kneift die Augen zusammen und sagt: Ja ich weiß das das hat nur bisher hier niemand erkannt.
VERFLECHTUNGENTanzen in der Bahn war schön, jetzt will ich in den Bäumen tanzen.