GEDICHT

i choose to eat
the beautiful cloth of this day
eingeflochten in diese stadt
gehalten von dieser stadt
beschenkt in dieser stadt
bin ich soll heißen verwoben
mit den menschen
die hier auch sind die hier auch waren
i choose to let the sad bits
digest themselves
by themselves
at least for the moment
i choose to stay light and sunny
on these shortest days of the year
and i did
and we did
wir sind glückskinder
und wir haben gearbeitet
das eine ohne das andere hilft nicht viel
and this is how i choose to
walk in the darkness
dream and breathe
see in the dark
so verbunden
wie am tag

 

BERICHT

Ich habe dann doch, angeregt von Kathrins poetischem Impuls beim Schnack & Schreibnachmittag, einen sehr unaufgeregten und unaufwändigen Jahresrückblick gemacht: Zu jeder Jahreszeit habe ich mir einen Wecker auf 6 Minuten gestellt und in der Zeit einfach notiert, woran ich mich aus dieser Jahreszeit erinnere, ohne dabei in meine Notizen oder meinen Kalender zu schauen (nur einmal auf meine Jahresübersicht).

Hier Auszüge:

ich erinnere mich an einen umschwung
an kälte und suppe in mir und tägliches hundi zeichnen und einen hundi in der hosentasche, und an den rand all dessen, also den übergang, ich war schon fast darüber hinweg, über das dunkel
ich würde sagen, der märz war ein scharnier
zum ende märz habe ich meinen jahresplan geschmiedet, das erinnere ich nicht, aber sehe es an der aufgehängten übersicht an der wand
ich erinnere mich nicht, ob ich da schon die rückenschmerzen hatte, vermutlich ein bisschen
ich erinnere mich an das singen, da habe ich noch viel mein lied gesungen
ich erinnere mich an die gefundenen schwarzen sweatshirts aus dem altkleidercontainer, von der baufirma
ich erinnere mich an zeichenzirkel im modos dever, an die freude, dort zu sein, und die planlosigkeit, was zu zeichnen
ich erinnere mich an die bank vor dem modos, und wie ich dort die morgensonne sah und wie ich dort den mond sah
und wie ich mit dem freundi endlos dort saß in der nacht vor meinem geburtstag
ich erinnere mich an das abschiedsfest beim modos, wie wir dafür blüten bastelten, ich nochmal extra zum konsum für klebstifte, an das spiel, an die aufregung, an musik und tanz, an meine lesung, eine der schönsten lesungen jemals
ich erinnere mich an die geburt meiner nichte, wie ich kurz mit dem hund im garten stand, wie ich lange mit ihm vor der klinik stand, wie ich weinen musste, als ich ihre planetenaugen sah und begriff, dass das kind am leben ist
ich erinnere mich an die kälte in der berghütte, an die hölzernen wände und wie ich die duftdinger raus stellen musste, an die unfassbare dunkelheit da draußen, an das teppichknüpfen in der küche auf dem glatten wurmstichigen holztisch
ich erinnere mich an viele abende bastelnd und tee trinkend an einem schwarzen linoleumtisch in einer anderen küche, mit immer irgendeiner fantastischen blumenkonstellation in der großen vase daneben
ich erinnere mich an liebe und die momente, als wir uns spiegelnd hielten
ich erinnere mich an veränderung

EXPERIMENTE

Noch habe ich nicht vollends beschlossen, welche Experimente zu meinem Lernplan für 2026 gehören, also ist das Experiment vor allem gerade: Übergang mit leichtem Griff.

Ansonsten sind die Experimente aus dem letzten Brief immer noch die Haupt-Experimente, vor allem an der Begleitung in die Sichtbarkeiten tüfteln Julia und ich munter herum.

Neu dazu kamen ziemlich spontan kleine Workshops, zu einem gleich mehr!

 

EINLADUNGEN

ORGA & ORDNUNG FÜR SCHREIBENDE – 29. Januar, 10 bis 12 Uhr
Ein online Workshop mit (der sehr organisierten!) Autorin Linn Penelope Rieger. Wir werden hier praktisch und pragmatisch verschiedene Wege zeigen, wie du deine Schreibprojekte und dein laufendes Schreiben organisieren kannst, sowohl analog als auch digital.

Wir werden keine moralische Kiste daraus machen, denn ordentlich ist nicht „irgendwie besser“ als ein großes oder kleines Chaos. Wir zeigen stattdessen Ansätze und Werkzeuge, die dich dabei unterstützen, dir im kommenden Jahr eine bewusstere Struktur für deine Projekte auszudenken, die dir vielleicht an manchen Stellen deine Arbeit erleichtern kann. Dafür gibt es in diesem Workshop (mit Fragerunde danach) Meta-Impulse und sehr konkrete Umsetzungsideen, mit denen du dein Struktur-Repertoire erweitern kannst.

Anmeldung offen ab 6. Januar.

SCHREIBTAG - Freitag, 16. Januar, 9 bis 17:30 Uhr
Ein gemeinschaftlicher online Arbeitstag zum fokussierten Schreiben und Besprechen deiner Schreibprojekte. Mit gemeinsamen Hirnschwapps, Feedbackwerkstatt am Nachmittag und viel Raum für dich und deine Texte.

Denn: Time spent working with words is never wasted. (Corita Kent in diesem Buch)

SCHREIB & SCHNACKNACHMITTAG - 28. Januar, 14 bis 15:30 Uhr
Ein kostenloser online Schreib- und Schnacknachmittag zum Austauschen und Kennenlernen, mit Mini-Lyrik-Workshop-Impuls.

(UN-)SICHTBARKEITSTAG – 14. Februar in Berlin
Weil der erste so gut ankam und schnell ausgebucht war, hier gleich die nächste Auflage unseres Experimentiertages zum Thema Sich-zeigen! Wieder mit und bei Julia Vogel, wieder voller spielerischer Herangehensweisen an die Fragen, wo und wie du dich und deine Arbeit der Welt zeigen willst.

Und natürlich bist du von Herzen eingeladen zu unseren diesjährigen Schreibwochen, einer Feedback & Schwung Woche oder du lässt dir von mir deine neue Website bauen :)

 

FABRIK (Ein neu entstandener Schnipsel aus meinem Text mit dem Arbeitstitel „Die Fabrik“)

Warum machst du das weiter Jott,
fragen ihre Pflanzen.
Weil ich endlich wirklich zeichne,
flüstert sie ihren Pflanzen zu.
Weil ich endlich etwas tue,
wo ich auch meine anderen Fähigkeiten
einsetzen kann, wo ich alles einsetzen kann.
Die Pflanzen verstehen nicht.
Weil ich irgendwo atmen muss.
Weil ich noch nicht im Sturm atmen kann.
Vielleicht muss ich lernen,
im Sturm zu atmen.
Die Pflanzen verstehen besser.

Und! Ich habe in diesen Tagen die Fabrik fertig geschrieben. Also sie war vor ein paar Jahren schon mal „fertig“, jetzt ist sie wirklich fertig (zumindest so lange bis ich Feedback von meinen Testleser:innen bekommen habe …)

67-fabrikfertig.jpg

354 Seiten, was das Längste ist, was ich jemals geschrieben habe. Und ich habe dabei SO VIEL gelernt. Und ich werde bei den nächsten Schritten, also bei der Veröffentlichung dieses Textes, bestimmt noch mehr lernen, dazu bald mehr.

 

VERFLECHTUNGEN

Das Gedicht oben entstand verflochten mit Leipzig und meinen Freundis hier, mit ihren Geschichten, dadurch, dass ich immer mehr Ecken der Stadt mit bestimmten Menschen und bestimmten Momenten verknüpfe, die ich mit ihnen verbrachte oder die sie dort vor vielen Jahren, als die Stadt noch eine ganz andere war, erlebten und mir davon erzählten. Es entstand außerdem aus meiner bewussten Entscheidung, dieses Jahr die Sonnwende zu feiern, mit anderen, mit Feuer!, und Weihnachten und all sein gesellschaftliches Gepäck zu ignorieren.

Und es entstand verflochten mit diesem Satz von adrienne maree brown: This is not the time to do everything in the light (aus diesem Gespräch).

Die Zeile come on pencil, let’s show notepad what we can do von Loren Kramar in diesem Lied begleitete mich beim Fertigschreiben der Fabrik, was ich an diesen lang-kurzen bitterkalten Tagen der letzten Woche tat, was so gut in die Leere der feiertäglichen Stadt passte, denn das Ende der Geschichte spielt im Winter und der Text wird immer karger, es reduziert sich immer mehr auf die Grundstrukturen der beiden Figuren und wie sie sich voneinander verabschieden, und sie bekommen beide oder eine von ihnen ein entzündetes Auge und ich kurz darauf auch, eine (vorerst) letzte real-fiktive Verknüpfung, die mir der Text schenkt.

Und hier noch eine letzte Verflechtung, falls du dieses Jahr noch ein bisschen Geld zur Verfügung hast, mit dem du ein soziales Projekt unterstützen willst! Stellvertretend für die vielen tollen Projekte, denen zurzeit Geld gestrichen wird, hier das Crowdfunding von Perspectives, die in Leipzig-Grünau super wichtige Arbeit für Menschen mit migrantischen, Schwarzen, jüdischen oder post-migrantischen Biografien leisten.

… aaaaand: fade out.