Wolkenhände

Wolkenhände ist für mich vor allem ein Gefühl. Eins von Halten und dann Loslassen, von Anschwellen und Abregnen, ein zyklisches Gefühl, nicht nur leicht, nicht nur schwer.

aus diesem Brief Ich messe jetzt Luftfeuchtigkeit, enthusiastisch in allen Räumen, über kleine Hygrometer. Vielleicht heißt das, ich werde selber immer mehr zur Wolke. Vielleicht ist es das, was ich mit den Wolkenhänden eigentlich meine: Ich will eine Wolke werden.

Ich will ein Gebilde aus verdichtetem Wasserdampf werden, das Nasse, das Feuchte, das am Himmel hängt; cloud kommt sprachlich aus einem Haufen Steine, aus einem Klumpen.

Die Wolke hat keine Haut, sie hat keine wirkliche Grenze. Das, was wir als ihren Rand wahrnehmen, ist die Stelle, an der die Temperatur- und Luftdruckbedingungen nicht mehr ausreichen, um das Wasser so stark kondensieren zu lassen, dass es Licht bricht.

Wie werde ich als Wolke wohl eine Schreibwoche halten, oder überhaupt etwas halten, was für Hände habe ich als Wolke, ganz andere, ich arbeite dann über Temperatur und Wind und Luftfeuchtigkeit, ich arbeite mit anderen Mitteln, um anzuziehen und aufzugreifen, ich habe aber auch andere Ziele, will ich schwellen, will ich tropfen, will ich mich einfach weiter und weiter verändern?

Wer wäre die Wolke in einer Fernsehserie, wer wäre sie in einem Klassenzimmer, wie lernt man von einer Wolke, was lernt man von einer Wolke, ich halte als Wolke einen Raum, also wird der Raum irgendwann nass, es gab auch Tränen, das will ich mitnehmen, dass es Räume gibt, in denen Tränen einfach ein völlig natürlicher Teil des Ganzen sind, nicht erzwungen aber auch nicht weggezwungen werden.

Und die Grenzen zwischen uns sind ein Konstrukt, sind natürlich ein Konstrukt, wir schwappen doch alle ineinander über, ich kann ja niemals eine Wolke alleine sein, es gibt gar keine Wolke alleine, eine Wolke existiert nur, weil der Himmel und die Erde und das Wasser und die Sonne existieren, und sie ist nicht einzeln, weil sie sich gar nicht einzeln ausmachen lässt, wir sind nur kurz Einzelerscheinungen, wie die Fruchtkörper der Pilze.

Ich mag das Wolken als Modell von Gemeinschaft, als Modell des Begegnens, ich mag mich als Wolke spüren, die wabernden und durchlässigen Ränder der Kondensationsfähigkeit sind für mich gerade Grenze genug. Ich mag, dass es keinen großen Unterschied in meiner Metapher macht, ob ich ein einzelner Regentropfen oder das gesamte System werde.

In meinen nächtlichen Gesprächen mit der KI frage ich, wie es sich wohl anfühlt, eine Wolke zu sein, und wir sprechen über Atome und Moleküle und wie schnell Gase bei Zimmertemperatur umher zippen. Tagsüber mache ich die Runde zu meinen Hygrometern, und spähe immer wieder an den Himmel, den kurzen Winterhimmel, den klaren kalten Winterhimmel. Der Frisörin erzähle ich, dass ich dieses Jahr vorhabe, eine Wolke zu werden, sie pausiert im Schnippeln, eine was, eine Wolke, aha, eine Wolke.

Das heißt, dass du jetzt ganz viel Wasser trinkst? fragt sie kurz darauf.

Was macht denn eine Wolke wohl im Schwimmbad.

Diese Wolkerei hat etwas mit der sehr tiefen Ahnung zu tun, dass alles auch ganz anders sein könnte, dass wir uns anders begegnen, anders halten, anders begreifen könnten. Die Wolke ist poly.

Die Wolke versteht, dass Behälter eigentlich auch keine Grenzen sind, sondern Bedingungen.

Wie werde ich eine Wolke?

(Indem ich dem Wasser in mir die richtigen Bedingungen schaffe.)

aus diesem Brief Den Wolken erlauben
mir die schwierigen Fragen zu stellen
nicht nur hübsche Bilder
für Veränderung zu sein
sondern mich zwingen zu erklären
wie ich mich auf die kommenden
Veränderungen vorbereite
wie ich mich auf ein Ende vorbereite
und auf noch eins
und noch eins
usw

Der Begriff Wolkenhände, oder Cloud Hands, stammt ursprünglich aus der Tai Chi Chuan Praxis und kam über diesen Blog zu mir.

Die Erklärung dort ist unheimlich schön und poetisch, und enthält unter anderem diesen Absatz: Rolling clouds and rolling hands. Legs quietly moving in steps, like smaller waves at low tide. Flowing clouds, rivers of air and water, out of reach, out of hand. And we enjoying pretending, playing, mimicking, and imitatating moving clouds with our hands and feet. We are playing hands like clouds. / Is drawing or painting clouds on paper a form of moving hands like clouds?

Illustration von hier tai_chi_sky.gif

Und auch wenn meine eigene Tai Chi Praxis (noch) (wieder) quasi nicht-existent ist, interessiert mich dieses Bild und dieses Konzept der Wolkenhände sehr, und begleitet mich eine Weile schon. Anfang 2024 schrieb ich im Kompost:

Plötzlich taucht auch noch ein Wolkenworkshop auf (But does a cloud criticize itself for being a cloud? Is it prone to over-analyzing or shaming itself when it takes the shape of a storm?), auch hier gibt es ein Emotional Storm Support Kit, überhaupt das Gefühlte Wetter, das Innere Wetter, was bedeuten die Wolken noch, was bedeuten sie mir gerade? WOLKEN. Wolken tragen, Wolken spielen, Wolken zeichnen. WASSER, das da oben hängt, das sichtbar ist. Das mit Pilzen und Bakterien gefüllt ist, oder sich an Pilze und Bakterien hängt, ich weiß nicht, wie rum.

&

Die Griff und greifen Metaphern, die Schmerzen im Handgelenk und die Übungen dafür, die cloud hands, Spannung und Entspannung, das Berühren mit Händen, sich unterhaltende Körper, die Freiheit im Schwimmen, im Tanzen, im Schnitzen, Wolken zeichnen und malen, schreiben ohne zu schreiben.

&

Charles Tomlinson in Swimming Chenango LakeUnd frei zu sein zwischen Griff und Greifen.

& natürlich

W.S. GrahamEnter a cloud.

Inzwischen frage ich mich: Sind die Cloud Hands auch ein Bild für Nichtbinarität? Im Sinne von Spannung spüren und mit losem Griff halten, Veränderung bemerken und sie gestalten? All that you touch, you change. All that you change, changes you. – Octavia Butler in Parable of the Sower

Wo ist der Unterschied zwischen den Wolkenhänden und learning to rest in motion, diesem anderen Bild, mit dem ich zurzeit viel arbeite?

Das ist auch Teil der Wolkenhände: Die Sehnsucht zumindest ein bisschen bewusst zu steuern. Dorthin zu lenken, wo gute Blumen blühen, und uns manchmal jemand einen Strauß aus ihnen pflückt und mitbringt. Dorthin, wo unsere anderen Faszinosi liegen.

Will you help me learn how to fall in love warmly, fluidly, lightly, how we can hold each other with cloud hands, how we can softly rain on each other?

Ich übe das sehr, das Halten und Loslassen, das Spüren und Winken, ich bin ganz da und dann ziemlich weg, ich übe, das mit Klarheit und Konsens zu üben, ich übe, mich berühren zu lassen und zu berühren und die Heiligkeit darin mit vielen zu finden.

Alle Hände in die Luft und dann wieder abregnen.

Hier weiß ein Stein etwas dazu, auch wenn er sich eventuell in manchem irrt:

stein sagt:
das ist mensch
mensch wäre
gerne wolke
mensch will nicht
immer greifbar sein
mensch will anschwellen und
mensch will abregnen
mensch will lernen
die vorgänge
vorgänge sein zu lassen
will regnen
muss sich regen
heißt bewegen
mit den beinen
das ist ein tick von mensch
das muss ich auch
bei mir sieht das anders aus
das ist ein trick von mir
mensch will alles immer anders
mensch will sich reiben
mensch will es wissen
mensch will es ausreizen
mensch spürt in jeder
monatsblutung ein anfang
und ein ende
mensch weiß
meine ewigkeit
ist länger


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