Fürsorgenetzwerk Hologram
= eine nicht-institutionelle, einfach umzusetzende Sorgepraxis, die aus meiner Sicht in den kommenden Jahren immer relevanter werden wird
Das Hologram ist ein Peer-to-Peer-Unterstützungsnetzwerk, eine Art Fürsorge-Kapsel, und funktioniert in etwa so: Drei nicht-fachärztliche Menschen kümmern sich regelmäßig um die Gesundheit einer vierten Person. Jede Person in diesem Dreieck ist für einen bestimmten Aspekt von Gesundheit verantwortlich (körperlich, psychisch oder sozial) und stellt dazu der Person in der Mitte (dem „Hologram“) Fragen und notiert sich die Antworten. Die Treffen finden langfristig statt (zum Beispiel vierteljährlich über Jahre hinweg), um Muster zu erkennen und Vertrauen aufzubauen. Mit der Zeit spiegelt das Dreieck ein facettenreiches Bild der zentralen Person wider, was diese Person zum Beispiel nutzen kann, um fundierter große Entscheidungen zu treffen.
Damit die Kapsel nicht abgekapselt bleibt und das Prinzip sich viral weiter verteilt, unterstützt die Person in der Mitte jedes Dreiecksmitglied dabei, selbst zu einem Hologram zu werden – aber in einer anderen Gruppe. Was ein faszinierend einfaches Prinzip ist, aber so viel verändert, weil es Verbreitung schafft UND weil es uns zwingt, nicht in einer klassischen Transaktionslogik zu denken (du hilfst mir, also helfe ich dir), sondern weiter gefasst das Netzwerk zu stärken.
Das Projekt wurde von der Künstlerin Cassie Thornton entwickelt (es ist nützliche Kunst!), inspiriert von griechischen Solidaritätskliniken. Es versteht sich explizit als antikapitalistische Praxis – wir lernen dabei, uns gegenseitig zu vertrauen und zu helfen, statt alles an Institutionen oder den Markt auszulagern; wir lernen dabei wirklich zu spüren, dass wir nicht alleine sind.
Und ja, mein Experiment ist jetzt, dass ich das tatsächlich ausprobieren will. Dass ich mir also ein Dreieck suchen will. Was sich gruselig und großartig gleichzeitig anfühlt.
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Ich habe inzwischen an einer der monatlichen Co-Practices teilgenommen, bei der Menschen mit und ohne Erfahrung mit dem Hologram zusammenkommen, Fragen stellen und gemeinsam Antworten darauf brainstormen. Ich habe von dort gut mitgenommen, dass ich auch all das mit Wolkenhänden halten kann, dass ich eine Person auch relativ unverbindlich fragen kann, mal testweise Teil meines Dreiecks zu werden, es sich also nicht wie ein Heiratsantrag anfühlen muss, dass man auch einzelne Hologram-Sitzungen zu bestimmten Themen machen kann, mit Menschen, die man speziell für dieses Thema anfragt. Und es war sehr berührend, dieses gemeinsame Denken und Fühlen mit mir noch völlig unbekannten Menschen, die vielen Ressourcen, die diese Menschen freiwillig und liebevoll teilen, davon will ich Teil sein, so könnte die Welt wirklich funktionieren.
siehe auch Anarchismus, mit Unbehagen umgehen lernen, Improvisieren und wir haben die Fantasie für mehr als das
außerdem die Hologram-Website, das Hologram-Buch, der Syllabus auf Pirate Care, der Instagram- und der Telegram-Kanal und hier eine deutschsprachige Broschüre als Einführung zum Hologram