Heiligkeit

Es geht mir hier um das, was uns heilig ist, und warum und wie es uns heilig ist. Es geht mir dabei nicht so sehr um Religion, um religiöse Heiligkeit, sondern eher um eine Alltagsheiligikeit, das, was im Englischen preciousness genannt wird, etwas zwischen Kostbarkeit und Affektiertheit, und zwar vor allem im Schreiben, denn es gibt eine Art von Schreiben, die sehr precious ist, und die mich oft nervt, und es gibt diesen Zug auch im echten Leben bei Menschen, und auch da nervt er mich. In dieser Sammlung versuche ich zu verstehen, was ich selber damit eigentlich meine, und warum es mich reibt.

Ich denke beim Baden nach über preciousness, wie in Alice Sparkly Kats You can’t be precious about yourself if you want to learn von vor ein paar Tagen, wie es bei Zambreno immer wieder auftaucht, die sich daran stört, wie precious andere ihr eigenes Schreiben nehmen. Wie das übersetzen? Precious an sich ist klar, das ist wertvoll und kostbar; being precious ist nicht so leicht greifbar im Deutschen, es geht in die Richtung von gekünstelt, affektiert, geziert sein. Du darfst dich nicht zu ernst nehmen, wenn du etwas lernen willst. Du darfst dich nicht so wichtig nehmen, wenn du etwas lernen willst. Du darfst dir selber nicht zu kostbar sein, wenn du etwas lernen willst.

Diese Kostbarkeit führt mich wieder zur Heiligkeit und ich denke darüber nach, wie wir uns wichtig nehmen und was wir als wichtig deklarieren, was für uns heilig und unantastbar ist und wie das bei anderen Menschen manchmal als überzogen und übersteuert ankommt. Wie umgehen mit unseren eigenen heiligen Dingen, Gedanken, Orten …? Wo wie luftig sein, und wo wie erdnah? Wie umgehen mit den heiligen Dingen anderer, wann sie respektieren und ganz weich achten und wann einen kleinen Stupser hineinpieksen in eine zu groß geratene Heiligkeit? (Die zu groß geratene Heiligkeit die, die Gefahr läuft zu erstarren, zu einer einengenden, zu festen Struktur zu werden, zu einem Prinzip zu werden, zu einer Regel, die kaum noch etwas mit ihrem Ursprungsimpuls zu tun hat.)

Vielleicht ist preciousness die Haltung, mit der man sein Kostbares trägt, und das kann, wie alles andere auch, mit leichtem Griff geschehen oder mit sehr festem. Und unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Neigungen und Bedürfnisse in dem, wie sie ihr Kostbares halten.

Titel können in Texten auch eine Form von preciousness sein, ein Rahmen, um Bedeutungen zu benennen oder den Blick auf das Wichtige zu lenken, ein Ausstellen, ein Zeigen-auf, eventuell sogar ein Überhöhen. Ich arbeite kaum mit Zwischenüberschriften, habe das Gefühl, sie würden mich vermutlich zu fest halten. Bei anderen sind sie wirklich kleine Spells, wichtige Wegweiser für den darauffolgenden Text, für sein Lesen und sein Schreiben. Titel und Überschriften können wie Schmuckschächtelchen sein, auf deren Samt man den Text bettet, und diese Geste passt nicht zu jedem Text. Meine vielen Gedankenstriche sind vielleicht auch affektiert.

Wenn ich zu große Heiligkeit wittere, will ich Löcher hinein pieksen.

(Vielleicht ist es tatsächlich das: gar nicht so sehr die zu starken Strukturen, in die ich pieksen will, sondern die zu große Heiligkeit. Wobei das eine eh oft das andere mit sich bringt.)

Wer stupst mir in meine zu große Heiligkeit?

Schreiben zwischen ALBERN und HEILIG, ernst nehmen, aber eben nicht zu ernst; der heilige Grat.

die Behutsamkeit einer Geste (and then touch me / like something holy). ob in jeder Zärtlichkeit eine kleine Heiligkeit darin steckt?

Sind wir mit den Dingen, die uns heilig sind, geiziger und enger als mit anderen (weil ja kostbar, weil ja wertvoll)? Wie ist das Verhältnis von Heiligkeit und innerer Freiheit?

Wir brauchen alle so unterschiedliche Gesten, und so unterschiedliche Praktiken, und das ist eine Freude, diesen Gesten und diesen Praktiken und ihren Unterschieden nachzuspüren, zu verstehen, woher sie kommen und was sie bedeuten.

Was ist dir heilig, frage ich in Gedanken mein Date, und hoffe, aus der Antwort einiges ableiten zu können. Sind mir meine Tätowierungen heilig? Nein, über die dürfen alle lachen, die sind stabil meins und meine Freude. Heißt heilig, dass etwas unstabil ist, dass es geschützt werden muss, ist es das, was ich von dem Date wissen will, was es schützen will?


siehe auch as though all ground is holy und Spiritualität


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