Schmerzen, chronische

Ich schreibe aus der Perspektive einer weitestgehend ablebodied Person mit chronischen Rückenschmerzen ohne strukturell nachweisbare Ursache, mit Zugang zu Ärzt:innen und Physios, mit Zeit und Geld für eigene Recherchen. Alles hier beruht nur auf meiner eigenen Erfahrung, ist keine medizinische Empfehlung, vielleicht trotzdem nützlich.In einem Zug mit viel Verspätung und kaum Menschen darin tanze ich, ich kann nicht mehr sitzen und muss mich bewegen und die Musik auf meinen Kopfhörern ist gut und laut, zuerst wippe ich nur so ein bisschen hin und her im Gang, irgendwann werde ich groß und raumgreifend und spüre, wie wir über die Gleise sausen. Es fühlt sich ein bisschen an wie Fliegen und ich suche neue Möglichkeiten zum Fliegen, jetzt, wo ich beschlossen habe, wirklich eine lange Schwimmpause zu machen, kein Schmetterling für eine Weile, den Rücken ja nicht reizen.

Vielleicht werde ich über die Schmerzen schreiben, denke ich, über diesen viele Monate dauernden Versuch meines Körpers, mit mir zu sprechen, und ich verstehe seine Sprache so oft nicht und gute Übersetzer:innen sind rar. Über das Umgehen mit den Schmerzen, über ihr Management, mit all den Erwartungen, mit dem Alleingelassensein darin, wie wir letzlich doch alleine in unseren Körpern sind, wie das Fluch und Chance gleichzeitig ist.

Ich will mein Fühlen beschützen, das habe ich mir geschworen und ich weiß noch nicht, wie das in diesem Kontext geht: Wie fühlen trotz Schmerz? Wie fühlen mit Schmerz? Wie fühlen im Schmerz? Wie fühlen, was da noch alles ist, wie nicht taub werden oder zumindest nicht dauerhaft, wie neue Reize setzen, die nicht zu viel und nicht zu wenig sind? Wie nicht aufhören zu fühlen, ich mich und jede Faser und jede Zelle in mir, und natürlich gelten diese Fragen für jede Art von Leid.

Damit ich nicht immer weiter wie ein kopfloses Hühnchen Behandlungsmöglichkeiten und Interventionen recherchiere und ausprobiere, sondern auch mal ein paar Sachen Zeit zum Wirken gebe, habe ich mir einen Rückenberuhigungsplan gestrickt, ein Sechs-Wochen-Protokoll. Darin liste ich auf, was ich vorhabe und hake ab, was ich gemacht habe, und vor allem hake ich ab, was ich nicht gemacht habe, nämlich neue Ansätze gegoogelt oder geschwommen. Ich habe mir damit einen Rahmen geschaffen, in dem ich mich ein Mal wöchentlich intensiv und genau mit meinem Rücken befasse, und deshalb (hoffentlich) in der restlichen Zeit das Thema loser halten kann. Ein Behälter also, eine (hoffentlich) sinnvolle Form von Autopilot, etwas, was ich meiner Traurigkeit über die erzwungene Schwimmpause entgegensetzen kann.

One of the principle qualities of pain is that it demands an explanation. – Anne Carson in PlainwaterCarson schreibt, ein Hauptmerkmal von Schmerz sei, dass er eine Erklärung verlangt.

aus dem Brief N° 63Ich bin ein Mensch, der so Fragen nicht mag, danach, was für ein Mensch er sei - so Verallgemeinerungen mag ich nicht, so Kästchen mag ich nicht. Dabei habe ich selber die Aufgabe gestellt, den Satz „Ich bin ein Mensch, der …“ zu vervollständigen, und es macht mir wohl Spaß, meine eigene Aufgabe nicht zu mögen. Man muss ja auch nicht jede Aufgabe mögen. Ich bin also vielleicht ein Mensch, der nicht jede Aufgabe mag. Ich bin ein Mensch, der heute einen roten Rolli trägt und gestern zwei mal geweint hat. Ich bin ein Mensch, der manchmal fettige Haare und öfter mal Rückenschmerzen hat, aber da biege ich schon wieder ab, also da gehe ich nicht hin, denn das macht mich nicht aus, das ist mein Körper, der mal so und mal so ist. Ich bin also wohl ein Mensch, der sich nichts diktieren lassen will, oder dessen Schmerzen seine Identität nicht ausmachen sollen. Geht es in dieser Frage um Identität? Ich bin ein Mensch, der das in Frage stellt.

aus diesem InterviewDer Leiter des Achtsamkeitsinstituts Ruhr Jörg Meibert sagt: Der Nachteil von Schmerzen ist, dass man empfindlicher wird. Der Vorteil von Schmerzen ist, dass man empfindlicher wird.

was wir da alle machen und wie wir da alle damit umgehen, das nehme ich natürlich auch mit, aber ich lasse im tag sorgenfäden, dennoch, ich brauche die sorgenfäden nicht immer oder eher: sie wachsen sowieso nach also kann ich sie auch loslassen autsch wow das spüre ich richtig schmerzhaft deutlich in den händen dieses loslassen ich spüre meine ordnungen ich spüre meine entscheidungen ich spüre die versuche zu wolken ich versuche eine wolke zu sein alles mitzunehmen aber nicht immer alles in der gleichen form ich wolke ich wolke ich wolke ich will und ich wollte und ich wolke und ich klowe und ich ewolk und ich owlek und ich wolke

dead-or-pretending-comic-chronic-pain.jpg diese Form des Comics stammt aus der Bezahlversion dieses E-Books über Rückenschmerzen von Paul Ingraham, das ursprüngliche Comic ist von SpaceboyWenn eine Person krank wird, kommen die Du-müsstest-Geister. Du müsstest diese Übung machen, du müsstest Rote-Beete-Saft trinken, du müsstest mehr schlafen, anders schlafen, weniger schlafen, du müsstest mehr an die Luft und weniger rauchen.

Es ist eine Form von hilfloser Empathie, weil wir Menschen es schwer aushalten, einfach mit den Schmerzen oder dem Verfall einer anderen Person zu sitzen, ohne daran etwas ändern zu können. Es ist eine Form von Ego, man möchte die Person sein, die die andere gerettet hat.

Wenn die Geister nicht von außen kommen, kommen sie von innen. Durchs Googeln, durch nächtliche Gespräche mit KIs, durch Bücher sammelt man sich die neuen Angewohnheiten zusammen, die dieses Mal aber wirklich helfen werden, dann wird der Plan geschmiedet, du müsstest wirklich.

Gerade glaube ich: Die Schmerzen werden vor allem dann besser, wenn ich die Du-müsstest-Geister verjagen kann. Wenn ich nicht nonstop überlege, was ich falsch gemacht habe, was jetzt welchen Schub ausgelöst hat, dauernd krampfhaft versuche, alles ab jetzt richtig zu machen. Ohne es zu merken, habe ich mir da eine hart binäre Sicht aufgebaut, und die scheint inzwischen tatsächlich vor allem zu mehr Versteifung und mehr Spannung zu führen.

In welcher Sprache vermittle ich meinem Körper, dass er sicher ist? Dass wir nicht so zerbrechlich sind, wie wir uns in letzter Zeit gemacht haben?

Vielleicht sind meine Rückenschmerzen wirklich einfach ein zäher weiterer Ausdruck der good person shape, dieser Außenform, die ich so lange versuchte zu erfüllen? Ich glaube ja schon auf eine Art, dass ich, wenn ich „alles richtig mache“, keine oder weniger Schmerzen haben werde, dafür führe ich ja seit Monaten dieses Protokoll und versuche Trigger und Muster zu erkennen. Aber vielleicht ist es ja auch gerade diese Suche und dieser Versuch, der mich in den Schmerzen verhaftet, weil er mich ängstlich macht? Es scheint mir zumindest keine ganz unlogische Überlegung.

Nächstes Experiment an dieser Stelle also: eine Weile lang nichts mehr tracken, kein Protokoll ausfüllen. Dafür verstärkt und möglichst laufend auf mein Körpergefühl und meine realen Bewegungscravings achten, und das somatic tracking üben, das aufmerksam-neugierige Betrachten meiner Schmerzen aus Ruhe und Sicherheit heraus, also ohne, dass ich etwas von mir will, ohne die Möglichkeit, etwas falsch oder richtig zu machen.

Und ich bin heute morgen tatsächlich schmerzfreier aufgewacht, sie waren da, aber ich konnte fühlen, dass sie vor allem eine Spannung sind, und ich konnte sie beobachten wie das Häschen einen neuen Menschen beobachtet, das ist Teil meines inneren Wetters, das bedeutet nichts, ich bin vollständig und nicht kaputt.


siehe auch meinen eigenen Körper radikal mitdenken und den Körper mögen


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