Zuckerschicht

In der Grundschule in den USA hatte ich „a best friend“, ein sehr energievolles, kreatives, starkes Mädchen. In unserem Bastelkeller konnten wir stundenlang werkeln, und entwickelten dabei unter anderem erste Mobiltelefon-Prototypen:

fimo-handy.jpg

Dann wurden wir älter, ich zog mit meiner Familie zurück nach Deutschland, wir schrieben uns noch ein paar Briefe und dann keine mehr. Realität.

Vor einer Weile habe ich sie gegoogelt. Sie ist immer noch kreativ, animiert jetzt Werbefilme, und sie hat eine eigene Website — auf der ich sie überhaupt nicht erkannt habe. Nicht weil sie sich optisch verändert hätte, ich hätte sie vermutlich sogar auf der Straße wiedererkannt.

Sondern weil auf dieser Website, trotz persönlicher Arbeiten und Bilder, nichts von ihr durchschien. Also nichts, was sie als Mensch mit Ideen und Schwung und Zweifeln an und Vorstellungen von der Welt gezeigt hätte.

Stattdessen hat sie eine kühle, gestellte, abweisende Bla-bla-beruflich-Seite. Ein Bild von ihr, auf dem sie mit strengem Blick und fest verschlossenen Lippen weg schaut. Ein förmlicher Über-Mich-Text in der dritten Person. Sonst kaum Texte, keine Einladung zum Austausch, keine Haltung.

Ich finde sie nirgendwo in dieser Seite. 

Diese Schicht, die meine Grundschulfreundin da über sich und ihre Seite gegossen hat, fühlt sich an wie eine Zuckerschicht. Ein Bild von sich, mit dem sie ganz gut leben und hinter dem sie sich verstecken kann, eine hübsche, süße Schicht von akzeptierten, gängigen Vorgehensweisen, unter denen ihre Website erstarrt.

Zucker riecht nach gar nichts.


siehe auch Scham, der Welt Komplexität zumuten und Sichtbarkeit


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