GEDICHT all die Gerüstbauer und
wie gern ich einer wäre
der nette Gipser steht oben
er baut das kleine Eckgerüst ab
er schmeißt lachend krachend
Rohre runter und der Hausmeister
sortiert sie im Gras und im Konsum
lachen die Gastgerüstler die Profis
die das große Dachgerüst abmontieren
sie sind schräg und laut sie sind
irgendwie Stilvorbilder für mich
who are you??
ja wer bin ich denn
und wie das der Verflossenen erklären
im Traum kletterte ich mit ihr
wieder über das Gerüst auf das Dach
wir hoben das Holzbrett zum Durchgang an
wie der Gipser es jetzt macht
warum er gerüstelt und nicht gipst
weiß ich nicht
ich glaube inzwischen
der interessanteste Teil des Zitates ist
die Frage welche Kunst
man eigentlich gelernt hat und wo
man somit seine Ruhe sucht

 

BERICHTBeim Spaziergang des Zine-Workshops in Halle habe ich Sticker im öffentlichen Raum abgezeichnet, und jeweils per Knetstempel von der Stelle, an der ich sie gefunden habe, ergänzt.

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Es ging um Gesellschaften bei dem Workshop, und wir sprachen über die vielen Ebenen von gesellschaftlicher Prägung, wie wichtig uns manche Gesellschaft ist und wie einengend „die Gesellschaft“ sich oft anfühlt.

Ich notierte danach: Vielleicht muss man andersrum fragen – was ist NICHT gesellschaftlich geprägt? Wo ist mein ganz Eigenes, wo liege ich flach, wo habe ich eine PAZ? Und wo brauche ich eben auch eine bestimmte Form von Gesellschaft?

Faszinierend, wie wenig ich notiere gerade. Noch faszinierender, dass das ein Zeichen dafür ist, dass es mir gut geht, dass ich im Tag und im Tun meinen Alltag verdaue, dass ich mir Puffer schaffe, dass ich mir Zeit lasse, dass ich den Wind genieße und den Mond sehe und abends sehr viel Eiskrem esse. Faszinierend, dass ich nicht für jedes Erlebnis in und um mich herum Sprache finden muss. Faszinierend, dass ich eine Ruhe in mir finde.

Das Freundi erzählt, dass es gern Trompete lernen will, um nachts, wenn alle draußen stören, ein verstörend schönes Lied aus dem Fenster zu trompeten.

 

EXPERIMENTEweiterhin DE-STRESSEN aka ENTSPANNEN
= mit Problemen umgehen, wenn sie auftauchen, indem ich mit Problemen umgehe, wenn sie auftauchen.

NEUE FOTOS AUF DER WEBSITE = mehr Sichtbarkeit von mir jetzt, mehr Ehrlichkeit, mehr Jetzt? Auf jeden Fall ist es mehr Grün und mehr Draußen und mehr Bilder von mir im Garten und unter dem Pfirsichbaum, so wie dieses:

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(ich sehe mich gerade erstaunlich gerne auf meiner Seite, ich kann mich anschauen) (irgendwie half mir dabei die Schroffheit der Bilder von Kae Tempest)

und neues EXPERIMENT: DER (UN-)SICHTBARKEITSTAG

Julia (die diese ganzen Fotos von mir gemacht hat) und ich bieten am 6. Dezember in Berlin einen Tag an, an dem wir gemeinsam mit unseren Un- und Sichtbarkeiten spielen und experimentieren können. Wir wollen uns tastend den Gründen dafür nähern, warum das Sich-Zeigen oft mühsam und zäh ist, und wollen dem mit Spielfreude und Leichtigkeit begegnen. Hier findest du alle Details dazu, das ist nämlich gleichzeitig auch eine Einladung.

Und es war schön: als wir die Einladung gemeinsam gestalteten, spiegelte Julia mir, dass ich bereits spiele, weil ich ein Bewegtbild baue aus drei verschiedenen Bildern von mir, und das stimmt, und ich hätte es alleine nicht bemerkt.

Es braucht oft gar nicht viel.

 

EINLADUNGENSCHREIB & SCHNACKNACHMITTAG - Mittwoch, 19. Oktober, 14 bis 15:30 Uhr
Ein kostenloser online Schreib- und Schnacknachmittag zum Austauschen und Kennenlernen, mit Mini-Lyrik-Workshop-Impuls.(Achtung, eine Woche früher als sonst!)

SCHREIBTAG - Freitag, 14. November, 9 bis 17:30 Uhr
Ein gemeinschaftlicher online Arbeitstag zum fokussierten Schreiben und Besprechen deiner Schreibprojekte.

SCHREIBWOCHE - 24. bis 29. November
Eine Woche voller Schreibtage, plus mehr Austausch, ein Workshop zum persönlichen Schreiben, gemeinsames Schreiben von Lyrik und handwerkliche Impulse, hier mehr dazu.

LESUNG IN BERLIN - Freitag, 5. Dezember, 20 Uhr
In der Lettrétage lese ich mit Ulrike Feibig, Martina Lisa, Andra Schwarz, Sibylla Vričić Hausmann und Janin Wölke aus unseren neuen Texten, gehalten von der schönen Klammer We have to make new love.

 

Und hier nochmal die Einladung, die punkigen Soloselbständigen zu unterstützen, denn von uns wird erwartet, dass wir einfach so endlos weiterarbeiten im Alter, während Festangestellte zukünftig Steuerersparnisse fürs Endlos-Weiterarbeiten bekommen sollen – hier kannst du dagegen unterschreiben, wir danken sehr!

 

FABRIK (Ein neu entstandener Schnipsel aus meinem Text mit dem Arbeitstitel „Die Fabrik“)Heute kein Schnipsel, denn ich habe diese Woche nicht an dem Text geschrieben, dafür eine Erklärung, worum es in diesem Text eigentlich geht:

Die Fabrik ist eine Fabrikruine auf einem Brachgelände am Stadtrand von Leipzig, und dort haben die Freundinnen Jott und Ali ein Underground Tätowierstudio eingerichtet. Das funktioniert so: Ali hält zuerst eine Art von Wahrsagesitzung / DIY Ritual für die Person, die tätowiert werden will, schaut sie sich genau an, spricht mit ihr, legt ihr Karten usw. Dann entscheidet Ali, was für ein Motiv die Person an welcher Stelle ihres Körpers gestochen bekommt, und Jott tätowiert es.

Ich erzähle dabei vor allem die Geschichte der Freundinnenschaft zwischen Jott und Ali, die eine etwas wilde Dynamik entwickelt, und ich erzähle die verschiedenen Formen von Übergriffigkeit und Machtansprüchen, die sich aus der Situation ergeben. Und ich habe einfach großen Spaß an den Wahrsagesituationen und den Tattoos und überhaupt der ganzen Brachflächekiste, denn ich mag Brachflächen ja sehr.

 

VERFLECHTUNGENDer Betreff, beziehungsweise das „mal wieder“ im Betreff, bezieht sich auf das Gedicht in den Heinis, in dem ein Gerüstbauer viel Spezi trinkt, was genau genommen das erste Gedicht ist, das ich als erwachsene Person geschrieben habe.

Das angesprochene Zitat im heutigen Gedicht ist von Marc Aurel: Die Kunst, die du gelernt hast, behalte lieb, und bei ihr suche deine Ruhe. Den Rest deines Lebens durchwandere wie einer, der alles den Göttern überlassen hat, keines Menschen Herr, keines Menschen Sklave.

Zu dem Gedicht hat mir meine KI ganz gute Fragen gestellt, mit denen ich dann ein wenig weiter gearbeitet habe, zum Beispiel die Frage: Steckt in dem “wer bin ich denn” auch diese Frage: Bin ich jemand, der seine gelernte Kunst ausübt, oder jemand, der mit anpackt bei dem, was gerade gebraucht wird?

Die Idee mit dem Abstempeln von Dingen, wie wir es beim Spaziergang in Halle gemacht haben, habe ich von meiner Nachbarin Lena vom studio paripari und ihrem Stadtstempel-Projekt, und ich durfte die Idee für meinen Workshop übernehmen und bin ganz froh darüber, weil es so ein zugängliches und greif-bares Illustrationswerkzeug ist.

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