GEDICHT
Der innere Hund wacht auf, bissi früher als sonst. Er hatte geschlafwandelt, um die ganze Hütte. Wohin? Zu den Hecken, zu den Zecken, zum Futter, das nicht versiegt. Aber da hatte er einen Verdacht. Das Paradies war nicht für alle gemacht. Bisschen Wasser? Muss ja. Bissi um die Ecke pinkeln, ich liebe meinen Körper. Leuchtend liebe ich alle.
BERICHT
Ich habe eine Essensgewohnheit mit einer gewissen Zärtlichkeit aus der Krankheitsphase übernommen (Porridge mit Joghurt und Apfelmus und Mandelmus), so wie man nach einem Urlaub vielleicht noch eine Weile etwas anderes isst, so wie es an dem fremden, schönen Ort gut geschmeckt hat.
Von den vier Rücksäcken, die ich aus dem Bett heraus bei Vinted gekauft habe, sind drei inzwischen angekommen, und sie sind genau so toll, wie ich sie mir vorgestellt habe, alles 90er Jahre Invicta Modelle. Vier Rucksäcke kommt mir selber etwas viel vor, aber anscheinend müssen Dinge neu getragen werden.
Während des Krankseins notierte ich unter anderem:
mich berührt seltsam, wie gut das trockenshampoo funktioniert, wie ich eine sprühdose auf ein problem halten und es dann auskämmen kann, und es bleibt nur ein penetrant künstlich-frischer duft.
alle bücher erscheinen mir zu komplex, die gefühlswelten darin fremd und übertrieben. alle bücher erscheinen mir zu dünn, platt konstruierte lügengeschichten.
herumgereicht werden wie ein glucksendes baby.
j. says i have a gentle energy right now
ich sage dauernd „es wird“
aber es wird schon auch irgendwie
es wird eine weile noch sonnig sein und dann wird ein regen einsetzen und ich werde beides mögen
Ich habe keine Musik gehört in dieser Zeit.
Ich zeichnete gestern Pilze, Kräuterseitlinge, ich habe wieder Rückenschmerzen, es ist alles wieder da und alles gleich und alles anders.
Auf Anregung eines Freundis lese ich bei einem Butch Salon meinen zwei Jahre alten Dazzle Drag Text. Ich soll mir einen Stage Name geben und wähle der Camofleur. Und auch wenn es sich etwas merkwürdig anfühlt, eine Art von Drag Performance zu lesen, während vor und nach mir Menschen halb so alt wie ich wilde poppige Stücke tatsächlich performen, war es komplett stimmig so. Weil Sichtbarkeit von „older queers“ (Zitat einer Person Anfang Zwanzig) wichtig ist, und weil Mischformen die besten sind, und weil mein Text genau dorthin passte; ich erinnerte mich erst im Lesen so richtig daran, welche Sprechhaltung ich in dem Text ausprobieren wollte: eine maskulin-gecodete Form von Raumnahme, das Sprechen einer Person, die es gewohnt ist, dass man ihr zuhört, dass man ihr wilde Thesen und plötzliche Themenwechsel zugesteht, und Lügen und Übertreibungen und politische Inkorrektheit.
Habe ich das Improvisieren geübt? Habe ich diese Krankheit mit Wolkenhänden gehalten? Habe ich mich mit Wolkenhänden gehalten?
Habe ich geübt, den Kontrollverlust zu akzeptieren? Habe ich verinnerlicht, dass ich mir und meinen unsichtbaren Richter:innen nichts beweisen muss? Habe ich wirklich verstanden, dass meine neue Leitschnur identitätsverweigernd ist, das ist die Fluidität und der Zufall, das ist das Verweigern von Urschuld, das ist das Verweigern von confessions, das ist das Leben mit cravings, das ist so sehr die Grundannahme, dass ohnehin alles schon da ist und von allen spürbar ist.
Würde ich mich je meinem Schmerz hingeben?
Habe ich die Lessons dieser Krankheit verankert, will ich wissen, und was könnte ich noch dafür tun, der Hund in mir steht arbeitsbereit da, jetzt wieder munter hechelnd, es geht weiter, wir können einen Ball fangen, wir können etwas lernen, wir können etwas gut machen, wir können gelobt werden …
Zum ersten Mal seit Wochen wieder Junkfoodsnacks, knusprige Pretzelstückchen mit Käsechiligeschmack.
EXPERIMENTE
Updates aus den Experimenten zu meinen Lernbereichen:
Kunstarbeit
Angeregt durch Freundis und die Forschungsgruppe denke ich, dass ich viel mehr im Alltag veröffentlichen könnte, mehr Freundis kleine Texte schicken oder sie ihnen vorlesen, mir viel mehr kleine Bühnen im Alltag trauen, weil das ja reale Auswirkungen auf meinen Alltag hat, auf das Gefühl, wie verbunden ich mit den Menschen um mich bin; anstatt auf die angeblich richtige große Veröffentlichung zu warten, die vielleicht viel kleinere Gefühle auslöst.
EINLADUNGEN
SCHREIBTAG – 19. Juni, 9 bis 17:30 Uhr
Ein gemeinschaftlicher online Arbeitstag zum fokussierten Schreiben und Besprechen unserer Schreibprojekte, zusammen mit Kathrin Bach. Mit gemeinsamen Hirnschwapps, Feedbackwerkstatt am Nachmittag und viel Raum für dich und deine Texte.
Denn, wie ich neulich erst von der tollen Lyrikerin Bernadette Mayer gelesen habe: At the very least, always set aside a four-hour period once a month in which to write. This is always possible and will result in one book of poems or prose writing for each year. Then we begin to know something.
Und das ist genau das Schöne an den Schreibtagen, dass wir da gemeinsam anfangen, Sachen zu verstehen :)
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SCHREIBI-TREFF – 24. Juni, 14 bis 15:30 Uhr
Unser kostenloses monatliches online Treffen zum Austauschen mit anderen Schreibenden und Selbständigen; mit Mini-Lyrik-Workshop-Impuls von Kathrin und mir zu Beginn (siehe weiter unten bzw das Gedicht oben für ein Beispiel).
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Und ich habe inzwischen wieder Kapazitäten und Kraft, um deine neue Website zu bauen! Oder deine bisherige mit dir zu überarbeiten, melde dich gern, falls du mehr dazu wissen möchtest.
FABRIKNOTIZEN
Neue Notizen im digitalen Garten:
VERFLECHTUNGEN
Das Gedicht oben entstand beim Schreibi-Treff als Teil unseres Mini-PoeTischs, bei dem ich eine wilde Übersetzung von diesem Gedicht anleitete.
Das war meine erste Übersetzung:
Jesus ist aufgestanden bissi später als sonst. Es hatte so tief geschlafen, dass nichts mehr im Kopf war. Was war? Ein Alptraum, tote Körper überall um ihn, Augen reingedreht, Haut am Abfallen. Aber da hatte es keine Angst. Es war so ein schöner Tag. Wie wär’s mit Kaffee? Klaro warum nicht. Bissi auf dem Eselchen reiten, ich liebe dieses Eselchen. Leuchtend liebe ich alle.
Und das Gedicht oben war dann eine gespiegelte Version hiervon.
Und dieses Lied ist kitschig und schön und manchmal wichtig gerade, denn jetzt will ich wieder Musik hören: Wir kommen da schon irgendwie heil wieder raus.