Ich war krank die letzten Wochen, heftig krank, und bin immer noch am Genesen, also am Werden, aber es wird.

Hier ist eine leicht angepasste und gekürzte Version eines Textes über die letzten Wochen, den ich für das Forum unserer Forschungsgruppe Sichtbarkeit geschrieben habe, falls es dich genauer interessiert, was so los war. Ansonsten geht es nächste Woche (vermutlich, hoffentlich) regulär mit den Briefen weiter, also auch wieder mit Gedicht!

(In der Zwischenzeit hier ein Gedicht, das ich gestern entdeckt und an dem ich sehr viel Freude habe.)

Hier der Krankikram-Text:

Ich versuche, zurückzukehren nach meiner erzwungenen Auszeit, ich versuche, zu verarbeiten, was passiert ist. Ich will versuchen auf dieser Forumsbühne hier zu zeigen, was ich erlebt habe, was ich mitgebracht habe, wie ich mich verändert habe. Weil: das ist ja auch eine Übung in Sichtbarkeit.

Ich freue mich über diese Bühne, über diesen Anlass, zusammen zu fassen und mit einem klareren Blick auf die letzten drei Wochen zu schauen. Gleichzeitig fühle ich Widerstand, einen anerzogenen, etwas in mir sagt mir, dass man nicht ausführlich über die eigene Gesundheit spricht, nicht im Arbeitskontext. Habe ich das tatsächlich so mal gehört? Oder liegt das vor allem daran, dass ich es kaum von anderen erlebe, dass sie darüber sprechen?

Auf Instagram, wo ich seit Wochen nicht mehr war, poste ich eine Story, um zu fragen, wer meine Karte für eine Lesung will, auf die ich noch nicht wieder werde gehen können. Ich will nicht schreiben „aus gesundheitlichen Gründen“, weil sich das zu steif anfühlt, also schreibe ich flapsig-blöd, dass ich „health-wise“ nicht selber hingehen könne. Für mich völlig unverständlicherweise sehen diese Story vier Mal so viele Menschen wie sonst, und in mir breitet sich eine unklare Scham aus, über meine blöde Formulierung, oder darüber, dass nun all diese Menschen wissen, dass ich krank bin?

Scham und Körper gehen Hand in Hand.

Ich zögere das Schreiben weiter hinaus, ich weiß nicht, was ich schreiben und was ich verschweigen soll, die Fakten, die Schmerzen, die Zweifel, die Sorgen, die schönen Momente dazwischen; verstehe nicht genau, warum ich etwas verschweigen soll, mir fehlt das soziale Handbuch für den Umgang mit Krankheiten, das fehlt uns allen natürlich. Alles verschweigen wäre einfacher.

In dieser körperlichen Geschwächtheit begreife ich mal wieder, wie anstrengend Schreiben ist, wie viel Energie das brauchen kann, sich hinzusetzen und die Gedanken zu formen.

Ich stelle fest: Mir fällt vor allem schwer, diesen Ereignissen die „richtige“ Größe zu geben. Ich will sie nicht kleiner machen, als sie waren, weil ich ja wahrlich nicht freiwillig so lange weg war, und ich habe Panik davor, es größer zu machen, als es war, weil andere ja viel krassere Krankheiten und Erlebnisse haben.

Hier ein Versuch einer stimmigen Größe.

Die Fakten: Mandelentzündung, Peritonsillarabszess, eine Not-OP, in der das gesamte Ding inklusive der Mandel entfernt wurde, nach Entlassung aus dem Krankenhaus eine Nachblutung, also wieder zurück ins Krankenhaus, jetzt noch Nachwirkungen des Antibiotikums.

Die Schmerzen: So überraschend stark, dass ich nicht von ihnen schreiben will. Warum nicht? Vielleicht weil ich sie selber vergessen will. Oder das Ding mit der Tapferkeit. So oder so dürfen sie hier unsichtbar bleiben.

Die Zweifel: Ein paar medizinischer Art, hätte ich dieses oder jenes anders entscheiden sollen. Und: Hätte ich nicht viel früher Alarm schlagen müssen, habe ich zu lange funktioniert, eine unnötige Stärke performt?

Die Sorgen: Der Alptraum der Selbständigen, so plötzlich herausgerissen aus dem eigenen Funktionieren, den eigenen Abläufen, dem eigenen Halten. Sorgen um meine Gruppe, was passiert, wenn ich nicht präsent bin. Sorgen um das viele Nachholen, das kommen wird.

Die schönen Momente dazwischen: Wie mein Bruder mich begleitete ins Krankenhaus, wie souverän und sicher er mich unterstützte und für mich sprach, als ich es nicht konnte. Die plötzliche und unentrinnbare Verknüpftheit mit meiner Zimmernachbarin und ihrem Schicksal und ihrer Familie. Wie meine Liebis mich besuchen kamen, wie sie mir Essen brachten und Bücher und Düfte und Salben und Blumen, und Grüße und Erzählungen aus der Außenwelt. Die unerschütterliche Freundlichkeit und Wärme der allermeisten Pfleger:innen auf der Station, wie gehalten ich mich fühlte, auf ganz unterschiedliche Art.

Ich denke weiter nach über meine Stimme, die so lange ausfiel, das Sprechen, das so lange schmerzte. Wie konkret das Fragen nach Sichtbarkeit (Hörbarkeit) stellt.

Die Vorfreude auf die eigene Kraft, die wiederkehren wird.

Die Dankbarkeit darüber, dass sie wiederkehren wird.

Das Wissen darum, dass das nicht selbstverständlich ist.

(…)