Und, wollen Sie meine Seele knusprig rösten?

dazzle-drag-literaturbote.jpg Dieser Text erschien im allerletzten Literaturboten und ist mein erster Versuch, einen Text in Dazzle Drag zu schreiben.

eine Dazzle Drag Performance für 1 Person

Ich will mit einer Lüge beginnen. Ich würde gerne jagen. Ich glaube, das wäre gut für meine Augen. Meine Augen sind nicht sehr schlecht, aber auch nicht mehr auffällig gut. Ich will schärfer schauen, und schießen können wäre auch nicht schlecht. Je länger man in einen Wald schaut, umso mehr will man schießen. Ich besitze allerdings keinen Jagdschein. Auch kein Revier. Ich würde mich erwachsener fühlen, würde ich jagen. Dann würde auch ich über Leben oder Tod entscheiden. Ich besitze auch keinen Führerschein. Busse würden so früh ja nicht fahren, oder so spät. Ich jage natürlich trotzdem, und ich tarne mich natürlich trotzdem. Ich jage das Übliche, Momente, Blumen, Bedeutungen. Dinge unterscheiden können ist Teil des Jagens, da Teil des Sehens. Mein Revier ist ziemlich umfassend, umfangreich könnte man sagen. Ich bin aus dem Alter raus, bei dem es nicht darauf ankommt. Inzwischen zählt alles. Das verstehen die jungen Leute nicht, die denken, im Alter kommt alles gleich. Ich habe insgesamt ein knappes Dutzend Wildkameras installiert. Dafür gebe ich Geld aus. An Bäumen, so dass die Bäume jetzt für mich jagen. Allerdings unterschiedslos. Ich frage mich öfter, wie es wäre, mit einem Wolf zu schlafen. Nicht neben ihm, sondern er in mir, ja genau. Ich wohne nicht auf dem Land, sondern am Stadtrand. Am Stadtrand wohnen bestimmte Menschen. Die sich ähneln, die alle nicht in der Stadt wohnen. Und auch nicht auf dem Land. In einer meiner ersten Performances war ich ein Bär. Besonders mochte ich die Tatzen, die ich trug. Auf der Bühne zog ich unter anderem ein Brötchen aus meinem Kostüm und aß es auf. Auf den Fotofallen sind bisher zu sehen: Mäuse, Singvögel, ein betrunkener Nachbar, mehrere Waschbären, Fasane, Füchse, ein Reh. Die Fotos kann ich nicht anfassen und sie sind nicht sehr befriedigend für mich. Ich will die Tiere ja vor allem anfassen. Die Wildkameras fallen kaum auf, manche habe ich noch extra bemalt. Die Tiere erwarten die ja auch nicht. Ich jage natürlich auch Applaus. Als ich ein Junge war, jagte ich auch schon Applaus. Ich wäre gern Tänzerin geworden, hätte es werden können. Aber meine Mutter sagt, nee, das hättest du nicht werden können, du warst ganz schön unkoordiniert. Wussten Sie, dass es hier mal Elefanten gab? Ja genau, im deutschen Wald. Waldelefanten. Ich suche eigentlich die Spuren der Tiere. Das, was sie hinterlassen, ohne es zu bemerken. Ich erkenne die Spuren mancher Nachbarshunde. Es gibt Nachbarn, die ich mag, deren Hunde ich aber nicht mag, und andersrum. Einmal habe ich mich so an dem Brötchen verschluckt, dass ich die Show abbrechen musste. Da hatte ich vielleicht zu schnell gegessen. Ich bin auf jeden Fall für Rückverwilderung, alles andere ist biologische Langeweile. Da denken wir uns dann die Wildheit in das Zahme hinein. Will so ein Tier vielleicht auch angeschaut werden? Wissen wirs? Ich schmücke mich ohne Probleme mit fremden Federn. Ich will nicht das eine sofort mit dem anderen verknüpfen. Ich will keinen Auftritt machen, bei dem ich in Jagdkleidung auf der Bühne stehe. Obwohl sich daraus natürlich etwas drehen ließe. Schöne Knälle und Büchsen und bestimmt ein überraschendes Ende. Ich mag keine Uniformen. Das ist ein weiteres Problem. Ich träume manchmal von Uniformen. Das ist ein anderes weiteres Problem. Verschwinden kann ich auf recht viele Arten. Ach, das mit dem Blutrausch. Der Rausch als solcher wird überbewertet. Irgendwann hören dir die jungen Leute nicht mehr so gut zu, weil du dich nicht mehr für die gleichen Sachen interessierst wie sie. Das ist ganz normal. Gefährlich sind vor allem Wolf-Hund-Hybride. Die kennen keine Distanz, aber große Aggressionen. Die kennen Menschen zu gut. Naja, Studien gibt es da keine, aber ich sehe das ja im Revier. Ist halt alles vermischt, die kriegt man auch nicht mehr sortiert, das ist unsere Hybris. Wir können auch nicht mehr zurück zu einer Zeit, in der wir keine Schuld hatten, in der wir rein waren, das ist alles Unsinn. Wir müssten viel genauer hinschauen. Wer müsste denn wohl wirklich mit wem Brot brechen? Ich habe immer noch einen Auftritt, da esse ich etwas auf der Bühne. Mit zitternden Händen. Aber die hatte ich schon immer. Bei einer Nummer trug ich Uniform, aber die kann ich nicht mehr zeigen, also die Nummer. Heute ist Glitzer gefragter. Ich kann mich auch nicht allem entziehen. Wissen Sie, gesehen werden ist nicht das gleiche wie erkannt werden. Jetzt will ich den Kühlschrank aufmachen und darin drei Fleischfrikadellen finden, und noch ausreichend Senf am Boden des Glases.