GEDICHT
ich pflücke blumen auf dem weg zu dir
entwende sie aus der taunassen nebelwiese eines wohnblocks
zwischen der s-bahn und dir der morgen wird sonnig es ist schafgarbe dabei
es ist immer schafgarbe dabei bei mir und etwas rosanes
und zwei kleine lilane und du öffnest mir die tür mit hochgesteckten
haaren und weicher loungewear in mauve und beige und deine küche
ist neu gestrichen in türkis und lavendel und die blumen gehören genau dort hin
und du bist noch nicht aus dem fenster gesprungen
und die neuen regalböden sind noch nicht durchgekracht
und die aufbackbrötchen innen nicht mehr gefroren
und später im wald sehen wir dass der biber den baum
noch nicht umgenagt hat ist es nur ein biber
ja es ist immer nur der eine biber der biber
wie man so sagt wie auch der maulwurf
mir gehts auch nicht so gut sage ich
aber ich bin noch neugierig
du wusstest das schon
ich fühle mich wie wolke wie mond wie mensch
wir machen alle das gleiche
immer wieder verschwinden
immer wieder auftauchen
auf beiden unserer computer ist die ausweis app geöffnet
hello i am
oder ich war mal
ich will nicht mehr daran glauben
dass jede geste so viel gewicht enthält
dass sie nicht auch etwas anderes bedeuten könnte
als ich heute behaupte oder andeute
ich will an den zufall glauben
aber will ich denn eigentlich noch gedichte schreiben
aber kann ich denn eigentlich noch gedichte schreiben
ist schreiben verschwinden oder auftauchen
BERICHT
Beim Abschlusstreffen der Forschungsgruppe Sichtbarkeit schrieb ich im Hirnschwapp: Es sind alles Fragen von Augen auf und Augen zu, also welche Augen liegen auf mir und welche möchte ich auf mir liegen haben und welche will ich schließen, die Müdigkeit ist somit auch darin, ich will manche Augen schließen, schließen wir in Beziehungen Augen, aber nur zum Schlaf, schließen die Wolken ihre Augen regnen sie ab, aber nur um sich neu zu formen.
Die Forschungsgruppe ist für dieses Jahr abgeschlossen, der Sommer ist vorbei, durchlebt, ich habe ihn erlebt, diesen Herbst schenke ich mir, ich fülle ihn mit Zeit, ich weiß noch nicht genau, wie das geht.
Ich puzzelte ein bisschen. Die Sonne war schön im Wohnzimmer und ich fand ein paar Anschlüsse. Ich putzte meine Brille, mit Spüli und Wasser, also ordentlich. Ich radelte ins Atelier. Ich hatte eine Traurigkeit in mir, es könnte auch eine Müdigkeit gewesen sein, sie ist mal so groß wie eine Katze und mal so groß wie dreizehn Katzen. Ich machte mir Grilled Cheese Sandwiches aus dem Weißbrot mit Glanz, aus dem ich tags zuvor die Armen Ritter gemacht habe, die in meiner Fantasie leckerer waren als in echt.
In Leipzig kann man in dem Park, der an den Zoo angrenzt, über ein Flüsschen und in die Gehege schauen, dort spielte ich den Giraffen Mundharmonika vor und sie hörten mir überraschend aufmerksam zu und wackelten mit den Ohren dabei. Eine Finnin freute sich mit mir darüber und versuchte, ihrem Hund die Giraffen zu zeigen, er interessierte sich nicht für sie, sie spielen in seiner Welt keine Rolle. Die Finnin kam gerade aus Slowenien, dort war sie mit dem Hund auf einem Hunde-Wettbewerb.
So übe ich das Zeithaben, und so übe ich das Aufmerksamkeitausrichten.
EXPERIMENTE
(Weitere) Updates aus den Experimenten zu meinen Lernbereichen, also was ich gerade übe (die Aufteilung in verschiedene Lernbereiche hebe ich erstmal auf, ich weiß schon lange nicht mehr genau, was wo hin gehört):
- Ich übe, eine neue Welt sich erstmal in mir formen zu lassen, sie zu begießen und wachsen zu lassen, bevor ich daraus eine konkrete Schreibidee entwickle.
- Ich übe, kleine Lieder auswendig zu singen und auswendig auf der Mundharmonika zu spielen, also ein Musikstück zu verinnerlichen, also erstmalig ein Instrument Teil meines Muskelgedächtnisses werden zu lassen.
- Ich beginne zu üben, diese Briefe wieder stärker zu improvisieren, nicht (nur) aus der Arbeit eines Sichtungs- und Selbstverarbeitungsprozesses entstehen zu lassen, sondern auch einfach aus dem, was in dem Moment lebendig ist, in dem ich mich zum Schreiben aufmache.
EINLADUNGEN
LESUNG – 8. Oktober, 19 Uhr, Soli Nord Leipzig
Übermorgen gibt es Lesung & Tattoos, also ich lese aus der Fabrik und Lola tätowiert danach und das ist aufregend! Organisiert wird das Ganze von Soli Nord, die ganz tolle und dringend benötigte Stadtteilarbeit bei uns im Norden von Leipzig machen (wo ja auch mein Text spielt).
Zeit: Einlass 18:30 Uhr, Beginn 19 Uhr
Eintritt: auf Spendenbasis
Ort: NordWest Stern e.V., Georg-Schuhmann-Straße 126
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SCHREIBTAG – 9. Oktober, 9 bis 17:30 Uhr
Diesen Freitag! Ein gemeinschaftlicher online Arbeitstag zum fokussierten Schreiben und Besprechen unserer Schreibprojekte, zusammen mit Kathrin Bach. Mit gemeinsamen Hirnschwapps, Feedbackwerkstatt am Nachmittag und viel Raum für dich und deine Texte.
At the very least, always set aside a four-hour period once a month in which to write. This is always possible and will result in one book of poems or prose writing for each year. Then we begin to know something. – Bernadette Mayer
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SCHREIBI-TREFF – 28. Oktober, 14 bis 15:30 Uhr
Unser kostenloses monatliches online Treffen zum Austauschen mit anderen Schreibenden und Selbständigen; mit Mini-Lyrik-Workshop-Impuls von Kathrin und mir zu Beginn.
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PERFORMANCE – Sonntag, 15. November, 11 Uhr, Societaetstheater Dresden
Im November mache ich bei der vierten und letzten Folge der Schreib-Performance „Verschwinden ist besser als hier“ in Dresden mit, ein sonntagvormittägliches Improvisations-Experiment: Ich werde live schreiben und Julia Amme und Laila Nielsen vom missingdots Theaterkollektiv werden dazu improvisiert performen.
FABRIKNOTIZEN
Keine aktualisierten Notizen im digitalen Garten
VERFLECHTUNGEN
Ich habe es dieses Mal überhaupt nur geschafft, ein Gedicht, oder eine Art von Gedicht, zu schreiben, weil es Eileen Myles gibt und deren Band I must be living twice; Myles macht mir immer wieder sichtbar, dass das geht, dass wir erzählen dürfen; und ich vermute, meins ist ein bisschen ein schlabbriges Gedicht geworden oder sehr selbstbezogen, aber das ist okay, es ist da und es fängt ein bisschen was ein und breitet es aus, so dass auch ich es anders betrachten kann, und ich kann es dir zeigen, und auch dafür sind Gedichte da.
Den anderen Blumenstrauß dieser Tage habe ich unterwegs von F auf dem Queer Voices Hörspaziergang gepflückt bekommen, wir auf den Tag genau seit elf Jahren verheiratet, ich konnte die Blumen kaum annehmen, weil ich so vertieft war in die Geschichten auf unseren Ohren, aber jetzt kann ich mich erinnern, wie du ihn mir gereicht hast, mit deiner typischen Mischung aus sweetness und Schalk und Stolz, wir trugen ihn dann abwechselnd an unseren Rucksackschultergurten und Jacken angebummelt und er kitzelte uns dabei in der Nase. Und der Hörspaziergang ist eine große Empfehlung, es ging um die Lebensgeschichten älterer queerer Menschen in Ostdeutschland, die erwartungsgemäß sehr berührend sind und von dem Queer Voices Team so liebevoll präsentiert wurden.
Ich lese mit Freude zurzeit The Refusal of Work von David Frayne, der darin der Frage nachgeht, warum Arbeit eigentlich einen dermaßen zentralen, lebensorganisierenden Stellenwert hat. Und ein wenig enttäuscht lese ich endlich Jenny Odells How to do Nothing, die Enttäuschung kommt vielleicht von meinen hohen Erwartungen, weil ich Teile schon aus Essays kannte, oder weil das Buch sich inzwischen stellenweise überraschend überholt anfühlt, als wäre es sehr in einer bestimmten Zeit aktuell gewesen, oder weil es sich im Vergleich zu Frayne unsystematisch anfühlt, fast zufällig, aber ich will ja an den Zufall glauben, und ich bin doch eigentlich auch Fan von Sachtexten, die stark von persönlichen Interessen getragen werden, aber sie landen in diesem Fall nur halb bei mir.
Das ist mein liebstes Gedicht über eine geputzte oder zu putzende Brille, von Julian Talamantez Brolaski:
it lyked to eat salmon w/ its
fingers like a bear
and then use those fingers
to clean its glasses
it cried and it looked like a raccoon I believe
it wanted to cultivate this look