GEDICHT

es lackiert sich die nägel während des zooms
es vermalt sich
es rubbelt den glitzer ab und er fällt auf den briefumschlag
es schaut den garten der einen an
es sieht die holzwände der anderen
es sucht ein maus gif
es schickt es doch nicht ab
es denkt an alle
es denkt an bestimmte
es hört zu
es lässt alles auf sich wirken
es lässt sich wärmen
es riecht die pfefferminze
es macht es sich gemütlich
es begreift allmählich seine aufgaben
es verliebt sich am liebsten in alle
es greift mit den fingerspitzen salz
es spürt die körnchen unter den nägeln
da knirscht’s

 

BERICHT

Letzte Woche wollte ich einen Brief schreiben und konnte es nicht, ich notierte mir: es geht nicht, ich bin so sehr im prozess, ich habe gerade so viel zu zeigen und deshalb nichts zu zeigen – also genau das wäre ein interessanter ort, um etwas zu zeigen, aber ich hab nicht die kraft und nicht die übersicht, zu erklären oder zu rahmen, was ich da gerade tue

Ein bisschen fühlt es sich immer noch so an; es ist so viel los in der Forschungsgruppe, so viele Entdeckungen und Bewegungen, sehr große und ganz kleine, subtile, und außerhalb vom Computer ja sowieso, hast du gesehen, was diese Bäume da alles gerade machen, und weißt du, wem ich begegnet bin, und ahnst du, was ich dann gemacht habe, und spürst du das, da übe ich vielleicht die Ruhe in der Bewegung, die Verbindung in Bewegung; niemand wird die Welt so lange für mich anhalten, bis ich fertig durchgeschnauft habe, also schnaufen wir gemeinsam und das Interessanteste an diesem Brief sind eh die Verknüpfungen unten.

 

EXPERIMENTE

Updates aus den Experimenten zu meinen Lernbereichen:

Kunstarbeit
Ich denke darüber nach, wie ich die „Verschwinden ist besser als hier“ Performance mit den Erkenntnissen aus der Forschungsgruppe vermischen könnte, das ist gleichzeitig spannend und könnte völlig überkonstruiert sein, aber für mich ist erstmal toll, dass es da so eine Nähe gibt, dass ein Vermischen dieser Felder überhaupt für mich denkbar ist.

Brotarbeit
Ich habe ein Werkzeug erfunden, ein Forschungsfeld, ein Feld mit vier Quadranten und zwei Achsen: Sichtbarkeit zu Unsichtbarkeit, selbstbestimmt zu fremdbestimmt. Das nutzen wir jetzt in der Gruppe und wie gut ist das bitte, Werkzeuge mit anderen gemeinsam zu erkunden.

 

EINLADUNGEN

SCHREIBI-TREFF – 29. April, 14 bis 15:30 Uhr
Unser kostenloses monatliches online Treffen zum Austauschen mit anderen Schreibenden und Selbständigen; mit Mini-Lyrik-Workshop-Impuls von Kathrin Bach und mir zu Beginn.

Hier mehr Infos.

SCHREIBTAG – 11. Mai, 9 bis 17:30 Uhr
Ein gemeinschaftlicher online Arbeitstag zum fokussierten Schreiben und Besprechen unserer Schreibprojekte, zusammen mit Kathrin. Mit gemeinsamen Hirnschwapps, Feedbackwerkstatt am Nachmittag und viel Raum für dich und deine Texte.

Hier alle weiteren Infos.

Und ich habe große Lust, deine neue Website zu bauen! Oder deine bisherige mit dir zu überarbeiten :)

 

FABRIKNOTIZEN

Wieder keine neuen Notizen im digitalen Garten. Nächste Woche bestimmt, bestimmt.

 

VERFLECHTUNGEN

Ich denke viel an den Impuls aus der Forschungsgruppe, andere Menschen wirklich anzusehen, und ich bekomme eine Ahnung davon, wie das, was wir in anderen sehen und was wir uns erlauben, in ihnen zu sehen, eine Art Spiegel ist für das, was wir in uns sehen können.

Beim Schreibtag teilt Mireille in der Feedbackwerkstatt freudvoll und mutig eine sprachliche Spur, die sie gerade verfolgt, sie schreibt vom Gemüt und gibt ihm sein Pronomen, also „es“, sie sammelt eine Liste der Dinge, die es tut. Und das tut mir so gut! Dass jemand mit Neugier auf dieses seltsame Pronomen sieht, dem so viele andere mit Ablehnung begegnen, so dass ich mich meistens nicht traue, es als mein Pronomen zu benennen. Und damit hat Mireille den Weg aufgemacht für mein Gedicht von oben.

Und in meinen Notizen finde ich zwei alte Zeilen von mir:

es wird bald wieder ein gedicht schreiben.
es das ich.

Und natürlich dieses großartige Gedicht von Julian Talamantez Brolaski, an das ich immer denke, wenn ich versuche, meine Brille zu säubern.

Und dann teilt jemand im Forschungsgruppen-Forum diese Zeilen aus diesem Gedicht von David Whyte:

To be human is to become visible
while carrying what is hidden as a gift to others.

Und dann teilt Mariele hier diese Zeilen von Dorothee Sölle:

Vom baum lernen
der jeden tag neu
sommers und winters
nichts erklärt
niemanden überzeugt
nichts herstellt

Und verknüpft dort sogar mein Birkengedicht von neulich, und schreibt auch: Theopoetisches Sprechen geschieht zwischen den Worten und macht dort einen Raum auf, in dem das, was über uns hinausgeht, wahrnehmbar werden kann. Dafür braucht es mindestens zwei: zwei Worte, zwei Menschen, zwei Lebewesen, um diesem Raum entstehen zu lassen, der größer ist als die Einzelnen. Was mich an meine Sichtbarkeitserkenntnis der letzten Wochen erinnert, wie sehr Sichtbarkeit an Gegenüber geknüpft ist.

Und Marieles Text erinnert mich an How do you trust a mystery, was ich mit großem Unbehagen lese, weil ich mich vielleicht ein bisschen ertappt darin fühle.

Was vielleicht ein Fenster der Verwundbarkeit ist – danke Dorothee, danke Mariele, für diese poetische und lebensnahe Aneignung eines militärischen Begriffs.

Danke euch allen für all diese Verflechtungen.

(Der Hirnschwapp-Impuls heute: Für wen schreibe ich alles?)