GEDICHT
in einem theater
schuhkartongroß
geht ein tier mit samtpfoten
es steckt sich selber
regelmäßig ins bett
& schält sich regelmäßig
wieder hinaus
es sieht aus wie eine maus
wird aber spitzer genannt
auch das ein antifaschistischer akt
(hitler bestand 42
unter gewaltandrohung darauf
dass spitzmäuse weiterhin
mäuse genannt werden
& nicht das zoologisch
sinnvollere
& viel ältere spitzer)
unser spitzer hier
zeichnet comics
recherchiert das vanlife
trägt den siegelring
seines großvaters
will eine dreistigkeit
in sich tragen
probiert tshirts an
weiße tshirts weil das
ein neuer style für ihn ist
auf seiner kleinen bühne
wächst ein winziges bündel
zusammengeknüllter
weißer tshirts denn sie
passen alle nicht richtig
es klopft & spitzer öffnet
ein liebhaber kommt zu besuch
bringt ein pullöverchen mit
aus der verschenkekiste
das passt spitzer auch nur halb
aber es weiß dass wir uns so
unsere zuneigung zeigen
BERICHT
Der Bericht besteht dieses Mal vor allem aus Auszügen aus meinem Forschungsbericht zum Abschluss der Forschungsgruppe Sichtbarkeit, die letzte Woche zu Ende ging:
Welche Bühnen hast du in dieser Zeit geschaffen und/oder betreten?
- Sprachis als kleine Bühnen nach einem Treffen
- Viel das Forum der Forschungsgruppe als Erstbühne genutzt, und daraus dann Briefe generiert
- Open Stage des Butch Salons
- eine Geburtstagsfeier
- eine Trauerfeier
- die Workshops und Werkstätten der Forschungsgruppe
Welche Spuren hast du in dieser Zeit hinterlassen?
- Text / Sprache als Hauptspurmedium (fastwöchentliche Briefe, Logbuch, Eintauchwochendokumentation, Mails, Sprachnachrichten, gestickte Wörter auf einer verschenkten Weste …)
- mehr Selfies als sonst
- Zeichnungen
- geerntete Lücken im Garten
- Vier-Felder-Matrix (sichtbar ↔ unsichtbar, selbstbestimmt ↔ fremdbestimmt) als Untersuchungswerkzeug
Was ist passiert, als du dich gezeigt / nicht gezeigt hast? Was ist passiert, als du etwas Neues versucht hast?
- als ich mich nicht genug zeigte mit meinem Schmerz wurde ich kränker und kränker
- als ich mich nachträglich zeigte mit meiner Krankheit und den an sie geknüpften Fragen wurde daraus ein bisschen Scham und viel Verbindung
- als ich an anderer Stelle weiterhin nicht zeigte, was mir an anderer Stelle passiert war, war das weiterhin richtig so
- als ich mich zeigte mit meinen Irritationen konnte ich beobachten, wie du sie ohne Scham annehmen konntest
- als ich mich zeigte mit meinen Wünschen habe ich bemerkt, dass ausgesprochene Wünsche nicht immer gehört werden, und das auch gar nicht immer absichtlich
- als ich eine Grenze markierte konnte ich spüren, wie du sie aufnimmst und umformst, bis es nicht mehr meine war, und sie war später erstaunlicherweise trotzdem immer noch da
- als ich mich zeigte auf der Bühne konnten nur wenige andocken, und das war kein Problem und machte mir keine Scham
- als wir uns zeigten in unserer Realität, wurden schöne leicht-tiefe Gruppenverbindungen daraus
- als ich mich zeigte mit meinen Unsicherheiten und Veränderungen habe ich gelernt, dass auch die ignoriert werden können
- als ich mich zeigte mit einem Bedürfnis, das anders war als die der anderen, konnte ich spüren, wie gut das ist, dass wir unterschiedliche Bedürfnisse haben
(sich zeigen heißt nicht automatisch gesehen werden)
(im Wäldchen Mundharmonika zu üben heißt nicht automatisch gehört werden)
Und hier aus dem Hirnschwapp beim Abschlusstreffen: Was nehme ich mit?
ich nehme mit genau diese wolkigkeit, dass die etwas gutes ist und sein kann, dass nicht alles immer ein scharfer klarer „erfolg“ sein kann, kein tagelanger sonnenschein, der ist nämlich auch aggressiv, hier gibt und gab es wolken und die will ich weiterhin beibehalten und anschauen, die sind interessant, interessanter vielleicht auch als die knallesonne, komplexer - ich habe hier die komplexität geweckt, die ich mir immer gewünscht habe in meiner arbeit, das ist doch genau das, was ich haben wollte, eine challenge auf vielen ebenen, ein wirkliches lernen, hier geht es weiter. das nehme ich also mit: die komplexität mit wolkenhänden zu halten, mich nicht von ihr erschlagen zu lassen, sondern sie täglich zu leben (die fragen täglich zu leben), ich bin da, wo ich sein will, das ist vielleicht die stärkste erkenntnis, in gruppen, also mit anderen menschen zu lernen, ist das spannendste, schönste, radikalste, was ich tun kann, und in welcher form das weiter geht, mal schauen, aber ich nehme mit, dass ich gruppen brauche und mag, und dass ich lernen will, sie vor allem dann zu brauchen und zu mögen, wenn sie nicht ganz glatt sind, wenn es reibungen und rätsel gibt.
Und dann noch ein Bericht aus den anderen Teilen der Woche:
Wenn ich mir einen Moment gebe, um mich zu spüren, weiß ich ja meist, was ich brauche; so wie ich an diesem Morgen einen Schwarzi auf dem Balkon im Regen brauche, der kein Gewitter ist, sondern ein stetiger leichter Regen, der nur eine milde Abkühlung bringt, aber die reicht schon, die mich sehr froh macht, mit dem leichten Wind dazu und der leeren Wohnung und NTS Radio mit Marias zarten Montagstunes, und hoch über mir kreisen die Mauersegler in ihren großen Bögen, wie die schwarzen Kuminflecken in meinem weißen Zopfkäse, nur bewegt, mal in schnellen und mal in langsamen Kreisen, sie ergänzen die Musik und den Regen so gut und sind auf einmal alle verschwunden und werden wiederkehren, die kleinen Welten, die so schnell entstehen können, wenn wir sie lassen, auch davon erzählte das Stück gestern, von der Lust und Freude, die wir alle in dem Saal hatten, die Erwachsenen und das Kind und egal wie hip oder wie intellektuell, die Lust darauf, Geschichten und Verbindungen zu entdecken, etwas erzählt zu bekommen und es uns gleichzeitig selber zu erzählen, die Puppenhauslust, im Kleinen viel Großes zu spielen, die Selbstverständlichkeit, mit der das nicht alles immer Kriegs- und Kampf- und Heldengeschichten sind, die plötzlich so klar wird wie die Graeber-Wengrowsche Selbstverständlichkeit, dass wir natürlich nicht alle brav innerhalb von zwei Generationen vom Jagen und Sammeln zum Haferanbau übergegangen sind und damit zum Geld, zum Besitz, zur Polizei, zum Gefängnis, sondern dass da immer so viel Lust ist auf Spiel und Albernheit und Niedlichkeit und Lüsternheit, und ja, darin auch die Verlockung von Kampf und Gewinnen und binärer Aufteilung und Spannung, die verführt uns immer wieder und das ist kein Fehler, sondern Teil von, in einer Landschaft kann und wird alles vorkommen.
EXPERIMENTE
Updates aus den Experimenten zu meinen Lernbereichen:
Kunstarbeit Wieder: eine Freude an Geschenken, dieser Pfau auf der Zuckertüte, die Schönheit und Beruhigung des Bastelns. Und eine Lust auf Theatrinis bleibt, oder kommt, auf kleine konkrete Bühnen, auf Geschichten erzählen in anderen Medien, überhaupt eine Lust auf andere Werkstoffe als Sprache.
Brotarbeit Die Weichheit, die für die anderen gut ist und für mich manchmal zu schlabbrig. Die Fragenfragensorgen. Das Mühlen. Das Begreifen, dass es noch Zeit braucht, bis sich das Neue zeigt. Dass es vielleicht ein Ökosystem wird (eh schon ist) und keine Maschine.
Ich bleibe vorsichtig gegenüber der Erkenntnis als solcher. Ein Kind am Bahnhof sagt: Ah, dann heißt EB also Englische Bahn!; wir können begreifen und doch nicht richtig liegen, und das macht das Begreifen nicht weniger schön.
Gemeinschaftsarbeit Immer mehr die Vermutung, dass das kein einzelner Punkt sein kann gerade. Dass das näher rein gehört ins Ökosystem, da eh schon drin steckt, also mehr lokale Pflanzen vielleicht. Irgendwas ist kurz vor dem Shift.
EINLADUNGEN
SCHREIBTAG – 20. Juli, 9 bis 17:30 Uhr
Ein gemeinschaftlicher online Arbeitstag zum fokussierten Schreiben und Besprechen unserer Schreibprojekte, zusammen mit Kathrin Bach. Mit gemeinsamen Hirnschwapps, Feedbackwerkstatt am Nachmittag und viel Raum für dich und deine Texte.
At the very least, always set aside a four-hour period once a month in which to write. This is always possible and will result in one book of poems or prose writing for each year. Then we begin to know something. – Bernadette Mayer
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SCHREIBI-TREFF – 29. Juli, 14 bis 15:30 Uhr
Unser kostenloses monatliches online Treffen zum Austauschen mit anderen Schreibenden und Selbständigen; mit Mini-Lyrik-Workshop-Impuls von Kathrin und mir zu Beginn.
FABRIKNOTIZEN
Keine neuen oder aktualisierte Notizen im digitalen Garten.
Aber eine ist im gedanklichen Entstehen, und zwar zur pietistischen Autobiografie, von der ich letzte Woche zum ersten Mal las (in dem auch sonst sehr spannenden Buch „In Männerkleidern“ von Angela Steidel) und die mich gerade fasziniert.
VERFLECHTUNGEN
Ja, Hitler hat sich wirklich 1942 in die Säugetierkunde eingemischt.
Das hier war das Theaterstück, und es beschäftigte sich unter anderem mit meiner heiß geliebten Tragetaschentheorie, und von Graeber und Wengow meine ich ihre Anfänge, auch das ein Buch, das mich ein starkes Stück umgekrempelt hat.
Und:
The poets I knew made their money like everyone else, as teachers or bartenders, but what they did for poetry, and for each other, was most often given away. – Eula Biss
the life my love for you
has made me live
– Rachel Zucker
Looking, I think, is not the same as knowing. Paying attention is not the same as understanding. You can do the former, in both cases, and leave a poem with a mind and heart far bigger than if you always try to do the latter. – Devin Kelly
So fasst die KI meine Arbeitsweise ungefragt zusammen:
Eine Irritation wird zu einem Brief.
Ein Brief wird zu einem Workshop.
Ein Workshop wird zu einem Begriff.
Ein Begriff wird zu einer Weste.
Eine Krankheit wird zu einem Text.
Ein Tattoo wird zu einer Beobachtung.
Eine Maiswaffel wird zu einer Erkenntnis.
Eine Clownnase wird zu einer Forschungsmethode.
Und so fassen meine Träume der letzten Zeit mein Leben ebenfalls ungefragt zusammen:
In den Träumen über Mittag träume ich von einer Zeitzurückspulung wie in dem Theaterstück und dann einem Loch in der Wand, durch das ich einem anderen Ricardas begegne, es streckt mir einen Briefumschlag durch das Loch, und gute Hinweise, denn es ist eine wacklige, ungewisse, harte Zeit, eine apokalyptische Zeit, wir müssen auf einmal alle Sonnenbrillen tragen und ich finde meine nicht, wir sind auf uns gestellt, die Mama hat eine schwere Diagnose bekommen und der Papa ist mit ihr spazieren im Regen, in der feuchten schweren Luft, und sie trägt das weiße lange Kleid von den märchenhaften Fotos aus dem Tessin, und er trägt auch ein langes Kleid, ein fließend hellblaues, und sie halten Händchen, und ich stupse meinen Bruder an, dass er das nicht verpasst; und später fahre ich Fahrrad mit dem Papa und wir versuchen, Worte für unsere Traurigkeit zu finden.
Und Freerk schrieb in seinem Forschungsbericht: Wenn der Rahmen stark genug ist, hält er das Gewicht der Scham.