GEDICHT

deepening into
softening into
life I guess

 

BERICHT

Sechs, sieben Wochen werden wir noch baden können, sagt das Freundi am Telefon. Mein Körper kann mehr Kälte ab, denke ich, ich kann noch ein bisschen länger baden, aber eigentlich suche ich doch genau das andere, das nicht-kompetitive, das leichte, liebevolle, ich sehne mich nach dem Hineingleiten in ein Wasser aus der wässrigen Wärme eines Julitages, ich sehne mich nach der teils fiktiven, teils realen Einfachheit des Sommers, nach Spontaneität, nach Draußenseinwollen, weil es draußen schön ist, und nicht, weil ich es mir verordnet habe.

Was sagt mir meine Sommersehnsucht, und meine Sorge, den Sommer wieder zu verpassen? Dass ich Pause brauche, dass ich es weich und warm haben will, dass ich zu viel drinnen bin. Heute: den ganzen Tag, komplett, nur drinnen. Von drinnen dem wechselnden Licht und dem Wind draußen zugeschaut.

Ich habe bereits viel Sommer gehabt, das will ich verinnerlichen, ich badete in vielen Gewässern, ich strömerte durch warme Nächte, ich umarmte fließend eins ums andere; die Bräune meiner Haut ist kein Anzeigegrad dafür, wie viel Sommer ich erlebt habe.

Eine riesige Mondvogelraupe kroch zuerst über meine Hose, die neben uns im Gras lag, und dann über uns, pupste eine kleine braune trockene Kugel in meine Handfläche, kroch durch unsere Beinhaare. Wie schön es ist, dieses werdende Vöglein, mit seinem Schnellzugkopf und den vielen bunten besprenkelten Segmenten, wie schön ihr Raupen alle seid, lauter kleine Drag Queens bereit für den Auftritt.

Auch heute muss niemand eine Vollständigkeit von mir bekommen, ich muss keinen umfassenden Bericht schreiben und in das Kästchen der Briefe legen, über dem „Bericht“ steht, das ist ja meine Arbeit, diese Kästchen mit etwas zu füllen, was stimmt, aber vielleicht nicht passt.

Wie sich das wohl anfühlt, ein Leben lang noch nie ein Kleid getragen zu haben, und nie lange Haare, und nie eine Zigarette geraucht, und weiß ich wie viele andere Sachen auch noch nie, und auch nicht auf die Idee zu kommen, davon etwas auszuprobieren?

Welche Freiheiten übersehe ich denn?

Ich will den Anschlag beim CSD in Berlin benennen, und kann doch noch fast nichts dazu sagen oder schreiben, es arbeitet auf vielen Ebenen in mir und macht unterschiedliche Gefühle, das stabilste davon bisher Verletzlichkeit, und aber auch: es gibt hier ein wir.

weiter, oder so schreibt das Freundi und meint etwas anderes, oder genau all das, es ist die erschöpftere Version von von hier aus weiter.

However I strive, I do not win, schreibt Anne Carson hier.

 

EXPERIMENTE

Updates aus den Experimenten zu meinen Lernbereichen, also was ich gerade übe:

Kunstarbeit Ich übe das Improvisieren, die Skalierungsfähigkeit, also das Erkennen, was die eigentliche Qualität ist, die ich erhalten möchte, und das Loslassen der spezifischen Form, die ich mir dafür gedacht hatte. Ich übe das Lesen.

Brotarbeit Ich übe weiterhin, keine vorschnellen Antworten zu finden. Ich habe erzwungenermaßen wieder Pause gemacht. Trödeln mit Tun als Wunschvorstellung.

Gemeinschaftsarbeit Ich übe, dazu zu gehören, ohne jede Beziehung selber zu tragen.

Körpersprache Ich übe, in meiner schwankenden Gesundheit zu leben, ich übe, herauszufinden, was ich brauche, um gut in ihr leben zu können. Mein Körper überfordert mich völlig und ich breche zusammen, und nach dem Rausheulen mache ich weiter. Ich übe Freude trotz allem.

Beziehungen Ich übe Nähe, die nichts leisten muss und die zu nichts verpflichtet. Ich übe, um Hilfe zu bitten und Hilfe anzunehmen und Hilfe zu geben und es auszuhalten, wenn ein Liebi nicht gut helfen kann, oder nicht so, wie ich es mir zuerst gewünscht habe, und es auszuhalten, wenn ich nicht so helfen kann, wie ein anderes sich das wünscht, und es auszuhalten, wenn ich vergessen habe zu helfen, aber hätte helfen können.

 

EINLADUNGEN

Morgen: SCHREIBI-TREFF – 29. Juli, 14 bis 15:30 Uhr
Unser kostenloses monatliches online Treffen zum Austauschen mit anderen Schreibenden und Selbständigen; mit Mini-Lyrik-Workshop-Impuls von Kathrin Bach und mir zu Beginn.

(Achtung, im August machen wir Sommerpause mit dem Schreibi-Treff, das ist also der letzte Termin vor September!)

Hier mehr Infos – wir freuen uns doll auf dich :)

SCHREIBTAG – Freitag, 14. August, 9 bis 17:30 Uhr
Ein gemeinschaftlicher online Arbeitstag zum fokussierten Schreiben und Besprechen unserer Schreibprojekte, zusammen mit Kathrin. Mit gemeinsamen Hirnschwapps, Feedbackwerkstatt am Nachmittag und viel Raum für dich und deine Texte.

At the very least, always set aside a four-hour period once a month in which to write. This is always possible and will result in one book of poems or prose writing for each year. Then we begin to know something. – Bernadette Mayer

Hier alle weiteren Infos.

 

FABRIKNOTIZEN

Neue oder aktualisierte Notizen im digitalen Garten:

 

VERFLECHTUNGEN

So beginnt Anne Carsons Gedicht Smile:

so how’s it going with the Parkinson’s? you say and I start
to say every moment bleeding to death around me but the

therapist cautioned me yesterday don’t say dread call it
discomfort you’re not in danger you’re uncomfortable so

I say the person is in a state of intense receiving of self the
person feels real to themself and you say aren’t there pills

for dread

Das ist Anne Boyers Gedicht What Resembles The Grave But Isn’t:

Always falling into a hole, then saying “ok, this is not your grave, get out of this hole,” getting out of the hole which is not the grave, falling into a hole again, saying “ok, this is also not your grave, get out of this hole,” getting out of that hole, falling into another one; sometimes falling into a hole within a hole, or many holes within holes, getting out of them one after the other, then falling again, saying “this is not your grave, get out of the hole”; sometimes being pushed, saying “you can not push me into this hole, it is not my grave,” and getting out defiantly, then falling into a hole again without any pushing; sometimes falling into a set of holes whose structures are predictable, ideological, and long dug, often falling into this set of structural and impersonal holes; sometimes falling into holes with other people, with other people, saying “this is not our mass grave, get out of this hole,” all together getting out of the hole together, hands and legs and arms and human ladders of each other to get out of the hole that is not the mass grave but that will only be gotten out of together; sometimes the willful-falling into a hole which is not the grave because it is easier than not falling into a hole really, but then once in it, realizing it is not the grave, getting out of the hole eventually; sometimes falling into a hole and languishing there for days, weeks, months, years, because while not the grave very difficult, still, to climb out of and you know after this hole there’s just another and another; sometimes surveying the landscape of holes and wishing for a high quality final hole; sometimes thinking of who has fallen into holes which are not graves but might be better if they were; sometimes too ardently contemplating the final hole while trying to avoid the provisional ones; sometimes dutifully falling and getting out, with perfect fortitude, saying “look at the skill and spirit with which I rise from that which resembles the grave but isn’t!”

Das ist ein Ausschnitt aus Maya C. Popas Gedicht Had We But World Enough:

I’m relenting, life:
It’s always you who wins,

and we keep living.

Und die KI glitcht und fragt mich:

Soll ich das für Sie aufschlüsslüssschlüsseln?

Ja, bitte.