GEDICHT ich bin in laberlaune
während ich das hier schreibe
ich bin in laune auszutesten
was du noch als gedicht akzeptierst
zeilenbrüche hat es und keine zeichensetzung und
ein gefühl macht es dir vielleicht auch
was für mich eine passable definition von gedicht ist
ich esse oft den nachtisch zuerst
weil mir ja keiner zusieht dabei und
danach noch ein paar dünne brote
die sollen alle nicht so labern sagst du
über die bücher die du in letzter zeit gelesen hast
die sollen geschichten erzählen
während ich schreibe höre ich country musik
bei der sich alle entweder über ihre exes ärgern
oder ihre liebsten mit einem alkohol vergleichen
du bist so weich wie ein whiskey usw
und auch das ist eine art von gefühl
das mir diese musik macht
ein gefühl wie nachtisch zuerst essen
du kannst so schroff sein und
die am weichsten gerührteste person
und manches erfinde ich und manches
beobachte ich und ich werde
die zahnärztin wechseln weil ich hab ja
einen freien willen und ich werde mir
von niemandem in den mund schauen lassen
mit dem ich mich nicht wohl fühle
so würde ich die lyrics
für einen country song schreiben:
du beschließt heute wird nichts mehr gegessen
und jede andere person
würde ich dafür auf den kopf stellen
mit dir lache ich das weg
wir lachen alles weg
dann käme der refrain
und
du kaufst jemandem
der seine hose kaum hoch halten kann
in dem netten café einen kakao
weil er sich den wünscht und
weil er nicht mehr rein darf
später motzt du dass er ruhig
hätte danke sagen können
aber es ist ein leises motzen
BERICHTIch habe in den Poeticon-Band PUNK hinein gelesen, von Mátyás Dunajcsik, er beginnt mit einer Szene im Mosh-Pit eines Punkkonzerts und mit einem BDSM-Event, bei dem sein Freund (mit seinem Einverständnis) mit einem Baseballschläger auf ihn einschlägt, und er entwickelt von dort den Gedanken, dass etwas dann Punk ist, wenn es Regeln hat, die von innen heraus kommen, und nicht von außen gesetzt sind. Was gut klingt, aber mir nicht reicht, oder genauer: dann reichen mir diese Beispiele nicht, dann bleiben die Beispiele in einer punkigen Ästhetik stecken.
Mich interessiert das Punkige jenseits der Ästhetik. Die Entscheidung für eine Hausgeburt zum Beispiel ist aus meiner Sicht mindestens genau so punkig wie ein Baseballschläger-Kink, setzt auch eigene Regeln und Entscheidungen den gesellschaftlich vorherrschenden entgegen, ist ein konkreter Akt des Widerstands, enthält auch Blut und Schmerzen, und lässt sich dazu noch weniger gut verstecken als eine sexuelle Vorliebe.
Die meisten Solo-Selbständigen sind auch die reinsten Punks, machen ihre eigenen Regeln, werden von der Gesellschaft alleine gelassen und stehen komplett im Risiko; auch wenn sie den Großteil eines Tages auf einen kleinen Bildschirm starren und nur leise dabei vor sich hin murmeln. Oder die Ausdauer, mit der das Freundi Diskussionen mit Beamt:innen führt, die krampfhaft am Status Quo festhalten wollen, das fühlt sich punkig an für mich. Wie auch die Kraft, mit der das Freundi seine Transition Schritt für Schritt voran treibt, jeden Widerstand langsam überwindend, Formulare ausfüllend, Telefonate führend, recherchierend.
Sind halt alles nicht ganz so reißerische Bilder, sind mehr Alltag, weniger Show. Oder, wie im Fall der Hausgeburt: Ist halt ein „weibliches“ Thema, und das kann ja gar nicht punkig sein oder lol gähn nerv schneuz …
(Aber ich hab den Essay auch noch nicht fertig gelesen, vielleicht kommt das alles noch und ich tue Dunajcsik Unrecht mit meinem voreiligen Motzen.)
Der Vater vom Freundi ist gestorben, und wir ringen alle um Worte und melden uns trotzdem irgendwie, über dem Freundi ist etwas eingestürzt und es geht natürlich trotzdem weiter.
Wenn Eltern sterben, ist es vermutlich nicht nur der Verlust dieser Person, der einen beschäftigt, wie auch immer die Beziehung zu dieser Person tatsächlich stattfand, sondern auch diese große Verschiebung, die im Verlust eines Elternteils liegt, eines dieser beiden Lebensfiguren, die das Kind in uns doch immer noch für unsterblich hält.
Dann bin ich zum Schuster, der meine Turnschuhe repariert hat, wie gern ich reparierte Dinge habe!, meinen ganzen Geldbeutel leerte ich für ihn, bis auf die letzten Kupfercents, dann zur Schneiderin, die einen Reißverschluss in die grüne Jacke nähen wird und auch nur Bargeld akzeptiert, dann hab ich beim Bäckerwagen zwei Brote gekauft.
Es windete stark heute und ich schrieb in die Haltestellen-Umfrage, dass ich mich nicht wohlfühle, dass es windet und mir der Wind in die Hosenbeine fährt und die Haltestelle einfach keinerlei Windschutz bietet, was ja auch unmöglich ist, wieso baut man eine Haltestelle, die nur aus einer einzelnen Glaswand besteht.
Der Wind riss uns gleichzeitig die Käppis vom Kopf, sie rollten auf die Straße und ich holte sie uns zurück.
Mich interessiert wirklich und tief immer weniger, wessen Augen auf mir liegen, und immer mehr, wohin es meine Augen zieht.
Noch mitten drin in allen Prozessen. Eh.
EXPERIMENTEExperimente wie bisher, plus neu, oder altneu:
STRESSOREN ELIMINIEREN Wie viel Stress lässt sich überhaupt weg schaffen. Wie sehr verantworte ich mein Stresslevel wirklich selber, und was davon, kann ich das je alles erledigen? Was davon müsste sich in mir entspannen und wie und was für Voraussetzungen hätte und hat das. Welche Strukturen.
AUS FREUDE ZEICHNEN Vielleicht ist das der Grund, warum ich so wenig gezeichnet habe in letzter Zeit: weil ich mich dazu zwingen wollte. Weil ich doch so gern eine Person sein will, die zeichnet. Neuer Versuch: Zeichnen wie ein Nachtisch. Nur das und so zeichnen, wie es mir Freude macht. Weil ich ja auch gerne zeichne, und darin eigentlich auch entspannen kann, nur daran erinnern muss ich mich gelegentlich.
Eine andere Frage ist, wie ich abends, im Übergang zwischen Arbeit und Freizeit, nicht mehr so müde bin. Denn wenn ich so müde bin und nicht mehr sitzen kann, dann macht ja gar nichts wirklich Freude.
Freude könnte es mir machen, einfach Muster zu zeichnen, Kleidung mit Mustern darauf, darauf habe ich Lust.
EINLADUNGEN
ZINE WORKSHOP in HALLE - Sonntag, 2. November, 12 bis 17 Uhr
Als Teil des Wir-Festivals (ein Gegenfestival zur kommenden rechten Buchmesse in Halle) darf ich einen kostenlosen Zine-Workshop im Lila Drachen halten zum Thema Gesellschaften. Anmeldung per Mail an den Lila Drachen – ich glaube, ein zwei Plätze gibt es noch!
Außerdem in der nächsten Zeit:
SCHREIB & SCHNACKNACHMITTAG - Mittwoch, 29. Oktober, 14 bis 15:30 Uhr
Morgen Nachmittag: Ein kostenloser online Schreib- und Schnacknachmittag zum Austauschen und Kennenlernen, mit Mini-Lyrik-Workshop-Impuls.
Hier der Zoom-Link dafür, du kannst einfach anklicken und teilnehmen.
SCHREIBTAG - Freitag, 14. November, 9 bis 17:30 Uhr
Ein gemeinschaftlicher online Arbeitstag zum fokussierten Schreiben und Besprechen deiner Schreibprojekte.
SCHREIBWOCHE - 24. bis 29. November
Eine Woche voller Schreibtage, plus mehr Austausch, ein Workshop zum persönlichen Schreiben, gemeinsames Schreiben von Lyrik und handwerkliche Impulse, hier mehr dazu.
LESUNG IN BERLIN - Freitag, 5. Dezember, 20 Uhr
In der Lettrétage lese ich mit Ulrike Feibig, Martina Lisa, Andra Schwarz, Sibylla Vričić Hausmann und Janin Wölke aus unseren neuen Texten, gehalten von der schönen Klammer We have to make new love.
Und hier noch die Einladung, die punkigen Soloselbständigen zu unterstützen, denn von uns wird erwartet, dass wir einfach so endlos weiterarbeiten im Alter, während Festangestellte zukünftig Steuerersparnisse fürs Endlos-Weiterarbeiten bekommen sollen – hier kannst du dagegen unterschreiben, wir danken sehr!
FABRIK (Ein neu entstandener Schnipsel aus meinem Text mit dem Arbeitstitel „Die Fabrik“)Der der gleich kommt
das ist ein Anwalt.
Woher weißt du das.
Hat er mir erzählt.
Aber ich will keinen
Anwalt tätowieren.
Aber er hat Bock drauf
und schon bezahlt.
Und wenn er uns nur
auffliegen lassen will.
Dann hätte er mir das
doch nicht erzählt.
Ich find das scheiße
das ist creepy.
Ich hab ihm schon
die Bohnen geschüttelt
und den Arm befühlt.
Und was kam raus.
Dass er mehr Vitamine braucht.